4. Sonntag nach Trinitatis, 28. Juni 2015

Lukas 6, 36-42

Vor einigen Jahren habe ich mich mit einem Menschen geprügelt. Auch noch mit einem Pfarrer. Keine Sorge, weder hat er mich angegriffen, noch war das meine bevorzugte Methode der Personalführung. Vielmehr wollten wir in einer Übungsgruppe ausprobieren: Wie schafft man denn das, Böses zu beenden, wenn z.B. zwei sich Gewalt antun? Mit großen, weich gepolsterten Schlagstöcken gingen wir beiden also aufeinander los. Die Kollegen um uns herum haben angefeuert. Zwei weitere hatten die Aufgabe, irgendetwas zu tun, das die Streithähne auseinanderbringt. Nachdem Ablenken und Stopp-Schreien nichts nützen wollte, ging ein kräftiger Mann dazwischen und schützte mein Gegenüber, grad als ich so schön am Draufdreschen war. Das hat mich richtig gestört und in meinem engagierten Spieleifer kriegte der auch gleich ein paar ab. Das war ein Vikar. Der hat damit seinen Chef von einer völlig anderen Seite kennengelernt. - Als wir dann drüber gesprochen haben, habe ich gemerkt: Wenn du dich haust mit jemand, dann siehst du ihn gar nimmer gut. Siehst nimmer das menschliche Gesicht, verletzbar und schön. Du siehst das Ziel, und das willst du treffen. Du siehst die Gefahr in jeder seiner Bewegungen und versuchst eine Zehntelsekunde schneller zu sein. Und schneller als Hände sind oft unsere Worte im Streit. Die treffen noch viel besser und können viel, viel tiefer verwunden. Alles, weil wir den andern nicht mehr sehen. Nur noch das Ziel in ihm, also das, was uns ärgert oder stört.

Da gibt mir Jesus schon zu denken in seinem Beispiel vom Splitter und Balken. Mit dem möchte ich beginnen.  Das Auge, unser Sehvermögen in seinen Verirrungen spricht er an hier in seiner Bergpredigt („Feldrede“ bei Lukas), wo es ihm darum geht: Wie leben wir so, dass es dem barmherzigen Gott wirklich entspricht? Und damit wir es kapieren, übertreibt Jesus in seinem kleinen Gleichnis. Der eine hat einen Splitter in seinem Auge oder ein Körnchen oder eine kleine Mücke. Das siehst du und sagst: Komm, das muss anders werden bei dir, - ich werd‘ dir helfen! Aber dass bei dir ein ganzer Balken im Aug ist oder ein Felsbrocken oder ein Elefant, das merkst du nicht. Mit andern Worten: Bei anderen Menschen sehen wir hundertmal besser, was nicht in Ordnung ist, als bei uns selbst. Und wir reagieren mit unseren Händen oder Worten so, als sei das die ganze Wahrheit zwischen uns beiden.

Doch was du bekämpfst, das steckt in dir selber. Und wenn du gegen das Böse kämpfst, pass auf, sagt Jesus: in dir selbst steckt viel mehr böse Gewalt als du ahnst. Das erlebe ich hier im Ex-Jugoslawien: alle Völker, die ich besuchen konnte zwischen Adria und Eisernem Tor, sehen sich unschuldig angegriffen in den letzten Kriegen. Das Böse - ganz bei den anderen. Das eigene Draufschlagen -  nur Notwehr. So ein Brett vor den Augen geht runter bis zu unseren Arbeitsplätzen und Schulhöfen. Bei anderen sehen wir, was uns nervt. Schlagen drauf, reden hinten herum, fangen an zu mobben. - Jesus hält uns einen Spiegel vor. Er möchte, dass wir die rechten Größenordnungen erkennen. Was am andern ist böse, und was ist mein eigener innerer Unfriede, der sich erlösen will, indem er sich am andern Menschen kritisierend oder gewaltsam auslässt? Barmherzigkeit statt Draufschlagen fängt offenbar so an, dass unser Auge lernt, wirklich nur das Große groß zu sehen und das Kleine klein. Gerade wenn es um Kritikwürdiges oder Böses geht.

Wie leben wir so, dass es dem barmherzigen Gott wirklich entspricht? Das nächste, worauf Jesus weist, sind die Hände. Mit denen geben und nehmen wir, direkt und im übertragenen Sinn. Schenkt, dann wird Gott euch schenken. Das sagt Jesus so leicht und das lebt sich so schwer. Denn unsere Angst zu kurz zu kommen ist früh eingeübt. Seit Kain und Abel eben. Werde ich nicht ausgenutzt, wenn ich freigebig bin? Muss man nicht seine Zukunft sichern und die seiner Kinder? Klar, wir müssen das. Und auch ein vereintes Europa kann nicht grenzenlos geben – indem einige respektlos die Arbeitserträge der Bürger anderer Länder ausnehmen, um den eigenen Schlendrian zu finanzieren.

Trotzdem – es bleibt ein Stachel, wenn Jesus sagt: Gebt, so wird euch gegeben.  Denn in der Tat meint er damit einen individuellen Schuldenerlass. Er will in einer Zeit, wo man überschuldete Menschen in den Schuldturm eingesperrt hat,  sich für einen andern Geist und einen andern Umgang stark machen. Gerade gegenüber Menschen, die nichts haben. – Ja, unsere Hände. Sie sind bei uns Deutschen so voll trotz dieser schwierigen Zeiten. Unsere Hände könnten so viel geben, und vielfach geschieht das ja auch: von Almosen bis zu großen Firmenstiftungen. Ist Ihnen auch schon mal aufgefallen: Menschen, die ganz selbstverständlich hergeben und weiterschenken, sind fröhlicher, vielleicht sogar glücklicher als solche, deren Hände schwerer aufgehen, weil sie sich so viel Sorgen um sich selbst machen? Alles kann zum Geschenk für andere werden, denn alles ist uns geschenkt. Das spüren, das glauben, das leben manche ohne viel darüber nachzudenken. Und können schenken mit allen Registern – Geld, Aufmerksamkeit, Zeit, Einsatz und Liebe.

Wie lernen wir so leben, dass es dem barmherzigen Gott wirklich entspricht? Vom Auge, hatten wir’s: Es soll die rechte Größenordnung erkennen: was liegt am anderen und was insgeheim an mir selbst? Von den Händen: sie sollen sich dankbar öffnen für Gottes Güte, damit sie weiter austeilen können. Als drittes nenne ich den Mund. Verurteilt nicht, sitzt nicht zu Gericht über andere, sagt Jesus. Schade eigentlich. Denn das ist doch das allerschönste: mit Freunden oder Kolleginnen kräftig herziehen über andere. Oder über Facebook und andere Medien jemanden runterputzen. Ich glaub schon, dass Jesus weiß: manche Zeitgenossen sind einfach nicht auszuhalten, ohne dass man sich irgendwo mal Luft macht. Aber er hat was dagegen, wenn ein schnelles, liebloses Mundwerk die einzige Weise ist, wie wir das Leben beurteilen und Menschen einzusortieren.

Unser Urteilen ist eine Macht. Es höngt zusammen mit dem Schöpfungsauftrag Gottes an uns Menschen: Macht euch die Erde utertan. Das tut ihr, indem ihr Menschen, Tieren, Dingen, Zusammenhängen und Gesetzmäßigkeiten einen Namen gebt. Durch Urteilen lernt der Mensch leben. Auch überleben. Doch mit dem Mund entgleisen lohnt sich langfristig nicht. Wenn zurzeit wieder nationale Vorurteile wuchern über "die Griechen", "die Russen", "die Zigeuner", so schadet das nur uns selbst. Es macht Krige wahrscheinlicher. Darum legt uns Jesus nahe: überlasst das letzte Urteil über andere und euch selbst getrost Gott. Das macht euch frei, barmherzig zu werden - wie eine wissende Mutter, ein liebender Vater. So könnt ihr euer Leben und das der anderen ganz bejahen. Und auf solch ein Ja sagt Gott liebend gerne sein Amen.

Pfarr. Hans-Frieder Rabus