3. Sonntag nach Trinitatis, 21. Juni 2015

Lukas 15, 1-7

Hänsel- und Gretelprobe nannte ich meinen Plan für die Kinder: Wir waren vom Dorf in die Landeshauptstadt gezogen, und ich fragte mich: Wie finden sich die Kinder zurecht? Einige gemeinsame Fahrten in Bus und Straßenbahn, einige Erkundungs-Spaziergänge, - altersentsprechend eher widerwillig absolviert. Kino, Stadion, Saurierausstellung, Automuseum, Tierpark waren interessanter. Als Orientierungstest wollte ich die lieben Drei in einem fernen Stadtteil aussetzen, gerüstet mit Fahrschein, Geld und Telefonnummer. Aufgabe: alleine heimfinden. Aber sie waren schneller: kannten im Nu die öffentlichen Verkehrsverbindungen viel besser als ihr Vater. So entfiel die Hänsel- und Gretelprobe mangels Abenteuerpotenzials.

Wenn wir an unser eigenes Leben denken, mangelt es hingegen nicht an Gelegenheiten, sich zu irren. Wie finde ich mich zurecht? Straßen des Lebens, Wege der Liebe, die satten und die Durststrecken der Arbeit, Stoppschilder und Umleitungen, vom Körper, von Krankheiten uns aufgezwungen, - manchmal wird’s immer noch unübersichtlicher,  je mehr man vom Leben weiß. Es ist geradezu unausweichlich, dass wir uns erst mal nicht zurechtfinden. Wir können’s ja nicht im Voraus wissen. Deshalb ist dieses Jesusgleichnis für mich so spannend. Es meint mich selbst, meint nicht nur aus der Bahn geratene Empfänger von Gottes Barmherzigkeit und unserer diakonischen Fürsorge, - also die anderen. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf zeigt, wer ich bin, - ohne dass ich mich erst als armer Sünder fühlen muss, um angesprochen zu sein. Es zeigt einfach, wer ich bin im Lichtschein der Liebe Gottes. Nämlich: Gesucht - getragen – umjubelt. Drei Stichworte, die mich anleiten, mein Leben wahrzunehmen, es betend zu betrachten.

Gesucht – wie bist du mir nachgegangen, du guter Hirte? Wie hast du dich hineinbegeben in die Windungen und Sackgassen meines Lebenslaufs? Und worin habe ich sie vielleicht schon unbewusst verspürt, deine mitgehende Liebe, die nicht ablässt, mich zu suchen? Manchmal merken wir, dass ein Mensch im Raum ist, auch wenn wir ihn nicht hören. So mag Gott uns suchend im Rücken gewesen sein zu Zeiten, wo wir ihn nicht ihm Blick hatten. Gesucht. Ein Hirte, eine Mutter, die ihr Kind sucht, die rufen. Laut. Immer wieder. So begegne ich im Lebensrückblick Zeiten, wo ich eher taub war: Tunnelblick, Schwerhörigkeit vor lauter zielbewusstem Schaffen. Ich mach’s schon selber, mag Hinweise nicht hören, überspiele innere Stimmen. Aber auch Zeiten der Ansprechbarkeit kenne ich, wo ich selber vielleicht rufe: Wo bist du, Weg, Wahrheit, Lebendigkeit? Denn ich dreh mich im Kreis, trete auf der Stelle im Lebenslauf. – Gut, dass der suchende Hirte nicht nur ruft und durch Menschen anfragen, anregen, mich ansprechen lässt. Sondern dass er auch horcht und hört. So führt mich Jesus in seinem Gleichnis dazu, dass mein eigenes Seelenrufen Thema wird, - und das ist die Geschichte meines Betens. Zwischen Kindergebet und Jugendverstummen; von Selbstgespräch, Gott-Nachdenken bis zu Jammer und Zorn; und – allmählich einen Sinn kriegen für die unhörbare Stimme, für das Wort von außen oder von innen. Zum Hören weckt mich der rufende Hirte. Zum Beten zieht mich der horchende Gott. Zum Dasein, so wie ich bin, ermutigt mich der Hirt, der schaut, Ausschau hält nach mir.

Getragen – wo trugst du meine Lebenslast, du treuer Hirt? Worin wurde ich selbst zur Last, für Allernächste, für Mitarbeiter, für dich, du tragender Grund? Gilt womöglich deine „verkehrte Welt“: das, was mir Mühe macht und ich abschütteln möchte, ist für dich und mit deiner Hilfe leicht? - und das, was mir leicht fällt und zu meinen Stärken gehört, muss von Dir ganz besonders getragen werden? Weil ich meinen Seelenschatten nicht erkenne. Voll gutem Willen, vom Ziel fest überzeugt, kann ich gerade darin  zur Plage für andere werden. Bis hin zum Eiferer. Der lässt nur gelten, was vor der eigenen Nase ist und mümmelt sich durchs Leben, schafhaft nur den eigenen Horizont im Blick. Doch du legst dir das wiedergefundene Schaf auf die Schultern, du tragebereiter Gott. Treibst es nicht vor dir her zum Pferch als strafender Richter. Lässt mich nicht die eigene Suppe auslöffeln. Nein, du nimmst auf dich meine Lebenslast. Du trägst die Sünd‘ der Welt, du Hüter des Lebens, du Lamm Gottes. So wirst du mich mit all meinem Schweren tragen zur Heimat, zum Fest, das alle Angst, Stolz und Verlorenheit überwindet.

Umjubelt - Freude im Himmel wird sein, alle Engel klatschen Beifall, pfeifen fröhlich durch die Finger, blasen immlische Fanfaren. Die Heimkehr des Hirten mit dem gefundenen Schaf ist Bild für die endgültige Heimkehr aller Dinge und Wesen in ihren Urgrund. Weil aber das Himmelreich in Jsus nahe herbeigekommen ist, starhlen die Spuren von Gottes Finderglück bis in unseres Seelen. Umjubelt - was reißt mich jetzt schon mit, hebt mein Gemüt Gott entgegen? Manchmal ist es so, dass uns ein Friede geschenkt wird, auch wenn wir gerade Schweres durchmachen. Wie wenn es zu spüren wäre, dieses: "Du bist bei mir", - Tröstung nennt es die Tradition. Oder nehmen Sie es als geistliches Geschenk, dass wir sinnliche Menschen sind: dass imseres Sommem wir noch brauche können, an jedem Morgen ein neues Wunder, Quell von Freude und Lust, die vom Himmel kommt und zum Himmel führt. Gemeinschaft, Liebe, miteinander teilen, genießen, tragen sich anfeuern und gemeinsam das Leben steigern - Vorgeschmack himmlischer Freude. "In allen Dingen" will uns der Morgenglanz der Ewigkeit anstrahlen und die Selle froh machen. Weil Gottes Ja über mir glänzt, sein Ja zu meinem Leben, - und sterben einst. Und in Christus auferstanden. Das alles wir mir himmlisch zugesungen. Gerade mir, der immer neu von Verusch zu Irrtum taumelt und wieder zurück. Aber dieser Hirte umarmt all meine Irrungen und Wirrungen voller Freude und sagt: Hänsel- und Gretelprobe auf dem Weg zum Himmlereich? - das lassen wir mal sein. Denn ich hab dich ja gefunden und freu mich so an dir!

Amen

Pfarr. Hans-Frieder Rabus