2. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2015

Lukas 14, 15-24

Ich kann sie nicht verurteilen, die drei, die sich entschuldigen mussten fürs Fest. Denn ich entdecke viel von mir selbst in ihnen. Sie müssen wie jedermann danach gucken, wie sie ihre Arbeit schaffen, ihr Einkommen erwerben, ihre Verantwortungen ausüben. Ihre Familie müssen sie ernähren und für schlechte Zeiten vorsorgen. Da braucht es schon einen Geschäftssinn, der weiß: diese Chance zu einer Erweiterung meines Betriebs, - damals war es überwiegend Landwirtschaft -,  muss ich wahrnehmen. Diese günstige Gelegenheit, meinen Fuhrpark zu vergrößern, kommt so schnell nicht wieder. – Und wer von uns würde einen jungen Mann tadeln, der für seine Flitterwochen in die Karibik fährt und deshalb die Einladung ausschlagen muss?

Ich kann die drei nicht verurteilen, - aber nachdenklich machen sie mich schon. Sie sind wie ein Spiegel, der mir zeigt: da lädt dich der Schöpfer und Herr deines Lebens ein, um seine Liebe zu dir zu feiern. Aber du bist noch nicht so weit. Hast noch so viel andere vernünftige Sachen zu tun. Wenn ich weiter darüber nachdenke, kommt auch so was wie eine leise Traurigkeit. Mir fallen nämlich Angebote ein, Einladungen, mir neue Erfahrungen schenken zu lassen, die ich ausgeschlagen habe. Ob das ein Stipendium für ein Jahr im Ausland war, wo ich lieber meine Studienzeit schnell abschließen wollte und Examen machen. Oder ob das die Einladung war, dich mit einem Menschen auf eine tiefere Beziehung einzulassen – und du hattest Kartoffeln auf den Augen und warst nicht offen für das, was sich dir dadurch vielleicht schenken wollte. Kurzum: wenn wir ehrlich nachdenken über die leisen Einladungen in unserm Lebenslauf, wird wohl jeder von uns manches finden, wo er oder sie sagen muss: damals war ich einfach noch nicht so weit. Ich konnte nicht erkennen, was da an Leben, Liebe, Freude, Geist auf mich warten mochte, wenn ich da ja gesagt hätte. Ich war wie mit Scheuklappen und verfolgte meine eigenen Ziele: ehrgeizig, pflichtbewusst, alltagstreu.

Doch jetzt schaut, was sich dieser Gastgeber für einen Spaß gönnt. Seine zornige Enttäuschung schlägt um in kreative Ideen. Ihr habt keine Zeit zum Heiligen Fest, ihr vielbeschäftigten Diener von Effektivität und  Nützlichkeit? Gut, dann lade ich die ein, die einen Schlag weg haben. Eine Behinderung. Vielleicht zu gar nichts mehr nütze sein können. Oder die herausfallen aus der Welt der Leistungserbringer, sozial am Rand, an den Zäunen. Gar hinter Zäunen, wie Asylbewerber in Auffanglagern. Die alle lad ich ein, denn die haben Zeit. Mehr noch, die haben Durst. Sehnsucht haben sie, ein Gespür, dass unser Leben das Fest braucht, um Leben zu sein. Dass unser Herz Raum und Zeit braucht für Liebe, soll es nicht verhärten. Sie haben die Begabung der Not, diese Menschen. Ihnen fehlt was, ihnen fehlt viel. Doch genau diese offene Lebenswunde macht sie bereit, zu kommen. Das Manko wird zur Gabe. Dass ihnen was fehlt, macht sie frei, sich das Leben schenken zu lassen. Sie nehmen die Einladung zum Lebensfest Gottes an.

Was für ein Feiern mag das sein, welche Freude erfüllt den Raum! Der einladende Gott breitet seine Arme weit, weit aus und sagt: alle gehören an meinen Tisch! Auch die, zwischen denen vielleicht gerade das Tischtuch zerschnitten ist, die zu Feinden wurden im Kampf um die besseren Lebens-Chancen. Auch die, die sich schämen zu kommen, weil sie in ihrer Armut so gar nichts hermachen können. „Dränge sie zu kommen“, sagt der Herr zu seinem Diener. Es ist ihm wichtig, dass man bei diesem Fest keine gute Figur machen und keine feinen Roben tragen muss. Da darf es keine Schere im Kopf geben, mit der sich jemand selbst ausschließt von der Festtafel Gottes: wenn du Zweifel hast und nicht recht an Gott glauben kannst; wenn du schuldig wurdest und dich vielleicht schämst und für unwürdig hältst; wenn du deinen Stolz, deine Eitelkeit nicht im Griff hast, die da sagt: neben so einen schäbigen Tischnachbarn wie den da, die da, sitze ich aber nicht! Nichts hindert den Gastgeber Gott, dich liebzuhaben und dich herbeizusehnen und einzuladen auf sein Fest!

Siehst du nicht schon im Geist, wie der Hausherr selbst lachend herumgeht mit der duftenden Weinflasche in der Hand und den Leuten einschenkt: Hier, mein Bester ist das, „Chateauneuf de la grâce“ nenne ich ihn, Schloss der Gnade, der Anmut. Lasst ihn euch schmecken. Živeli – auf das Leben! – Da muss man doch dabei sein, bei einem solch göttlichen Freudenfest. Drum tut mir das letzte Wort dieser Geschichte weh. Dass der Herr sagt im Blick auf die zuerst Eingeladenen: die werden nicht an meinem Mahl teilnehmen. – Also, wenn das mich betrifft – und es trifft mich gewiss, wenn ich an mein Leben denke und die versäumten Einladungen Gottes -, dann will ich, wenn ich zur Himmelstür komme, sagen: Du, ich bin echt spät dran. Hab dein Einladungswort so oft ausgeschlagen und meine eigenen Zwecke verfolgt. War blinder als die Blinden an deinem Tisch, wenn es darum ging, die Zeichen deiner Liebe zu erkennen. Aber jetzt bin ich so weit. Jetzt merke ich, wo ich daneben lag in meinen Prioritäten. Ist nicht noch ein „Stümple“ für mich übrig, ein Rest in der Flasche von deinem Lebenswein? – Ich will mein Leben und einst mein Sterben drauf setzen: Dieser göttliche Gastgeber wird mich umarmen und sagen: Mehr als genug ist da bei meinem Fest. Komm rein, schmeck und sieh, wie köstlich meine Gnade duftet und funkelt. Amen.

Pfarr. Hans-Frieder Rabus