Pfingstsonntag, 24. Mai 2015

Johannes 14, 23-27

Dass da was da ist, indem etwas fehlt – kennen Sie das auch? Mir geht das manchmal so nach einem Gespräch über wesentliche Sachen, oder wenn ein Herzensbesuch wieder abgereist ist. Da bin ich ganz erfüllt, wie wahrhaftig wir sprechen konnten. Ich fühle mich verstanden vom anderen im Kern meines Wesens. Und ich möchte natürlich drinbleiben in solchem Austausch: so nah am Leben dran und seinem Geheimnis. Aber das geht nicht. Jeder von uns hat seinen eigenen Lebenskreis und muss sich seinen Verantwortungen stellen. Familie, Beruf, Menschen, Aufgaben, die man ehrenamtlich übernommen hat. Und jeder muss sich auch seiner inneren Leere stellen, wenn da was nicht gut geordnet sein sollte im Leben: man halt herumhängt und nicht weiß, wozu man morgens aufwacht und in den Tag hinein lebt. Wenn wir mit Menschen, wo es mit dem Geist einfach „passt“, zusammen sein dürfen, ist da ein erfüllter Raum, eine greifbare Atmosphäre von Liebe, Vertrauen, Verstehen, Hilfe, Wahrheit und Trost.

Einmal im Jahr treffe ich z.B. die Weggefährten, mit denen zusammen ich gelernt habe, mein Herz an Gottes Gegenwart zu gewöhnen. Da bin ich auf der Rückfahrt im Zug noch wie eingetaucht in einen anderen Geist. Da reist so viel mit mir zurück an Inspiration, da ist mein Wille so gestärkt, das eine oder andere in meinem Lebensalltag jetzt anders zu machen, bewusster, liebevoller. Und ich spüre: dieses „Ja“, was da in mir ist, dieses „so möchte ich leben“, das ist stärker als die Wehmut manchmal: schade, dass wir uns nur so kurz sehen und sprechen und miteinander schweigen konnten. Indem mir da was fehlt, ist dennoch ein Impuls, eine Kraft, eine Ermutigung für mein Leben da. „Wer mich liebt“, sagt Jesus, „der wird mein Wort halten.“ Ich glaube, damit meint er so etwas wie das, was ich zu schildern versuche: dass es dich vom Innersten her ausrichten will, wenn du der Wahrheit deines Leben in Liebe nahekommst. Dass eine Kraft da bleibt, die an dir weiterarbeitet. Dass da etwas in dir wohnt, obwohl dir auch was fehlt. Ein schönes Bild, finde ich: Das WORT, nämlich Gott selbst, wohnt, bleibt unter uns. (vgl. Joh 1, 14)  Wirkt jetzt von innen her weiter. Durch Menschen, deren Geist mich formt. Und deren Impulse mit mir heimreisen die lange Fahrt und sich einnisten in meinem Herzen.

Das zweite Stichwort, mit dem Jesus so was „Windiges“ wie den heiligen Gottesgeist uns fassbar machen will, ist seine Rede vom „Tröster“. Dass da was froh und getrost machen kann, indem etwas wehtut – vielleicht kennen das am besten manche Menschen, die einen schweren Verlust, ein geliebtes Du verschmerzen mussten, - und die halt nie mehr ganz ohne Schmerzen leben. Aber von diesem Weh nicht für immer angefressen sind und bitter geworden. Ich denk da öfters an jene Frau in meiner Gemeinde, die auf den ersten Blick eher etwas Abstoßendes hatte. Sie war nämlich krumm und schief wie eine Hexe im Märchen. Das käme von den Partisanen, hat sie mir erzählt. Die hätten sie als junge Frau mit Gewehrkolben zusammengeschlagen damals in Jugoslawien, als der Krieg zu Ende ging. Weil sie Deutsche war, aus der Batschka. So hat sie Heimat und körperliche Unversehrtheit verloren. Ob ihr auch ein Mann im Krieg geblieben ist, oder ob sie - so verkrüppelt - keine Chance mehr hatte auf einen Mann, weiß ich nicht. Aber was da von ihr ausstrahlte, vergesse ich nicht. Eine herbe Wärme, etwas, das den Andern und das Leben überhaupt von Grund auf bejaht hat. Liebe mag ich es gar nicht nennen, weil wir das so leicht als etwas emotional Bestimmtes verstehen. Dafür war sie zu nüchtern. Aber eben durch und durch hilfsbereit, sie die Geschlagene, die Schwache, die mit ihrem Hinkegang eher selbst Hilfe nötig hatte. Ein geheimnisvolles „Ja, es ist gut“ strahlte mir aus diesem Leben, über das die Gewehrkolben nein gesagt hatten.

Solange ich bei euch war, hab ich mich euch ganz geschenkt in Wort und Tat, sagt Jesus. Unser Bibelabschnitt zu Pfingsten stammt aus seinen Abschiedsworten an die Jünger, bevor er durchs Kreuz von ihnen genommen wird. Doch „der Tröster“, so übersetzt Luther, - manche übersetzen auch mit: Beistand, Helfer, oder ganz wörtlich: Advokat = der Herbeigerufene -, doch der Tröster wird euch an alles erinnern. So verspricht Jesus. Ihr werdet merken, dass es sich in euch verinnerlicht, zu eurem Wesen werden will, was meine Christus-Mission war unter euch. Es tut weh, voneinander zu lassen, wenn man sich liebt. Diese Furcht,  solche schmerzenden Erfahrungen, berührt uns Jesus heute mit seinen Worten. Und will uns öffnen, dass gerade in dem, was wehtut, Gott uns durchdringen, verwandeln, zum Empfänger und Werkzeug des Trostes machen kann.

Wir haben versucht, uns an das pfingstliche Geistgeheimnis heranzutasten, und haben betrachtet, nachbuchstabiert: (1) Dass was dasein kann, indem etwas fehlt. (2) Dass was froh machen kann, indem etwas wehtut. Das letzte Stichwort Jesu hier ist „Frieden“. Da könnte es um den wundersamen Zusammenhang gehen: (3) dass dein Lebensdurst gestillt wird, indem du auf Entzug bist.

Das mit dem Entzug nehme ich heute ganz wörtlich. Denn ich bin einem Menschen begegnet, der hat einen Entzug hinter sich. Ein Suchtkranker. Ich hab als Student mal ein Praktikum gemacht in einer Heilanstalt für Suchtkranke. Und ich weiß aus vielen persönlichen Kontakten: von alleine kommst du da nicht raus, wenn du an der Nadel oder an der Flasche bist. So fragte ich: Wollen Sie mir erzählen, wie das ging, was die Kraft war, dass Sie aus so tiefem Elend rausgekommen sind?

Er hat erzählt, wie wiederborstig er war, mit seinem ganzen Wesen um sich geschlagen hat und es Leuten in der Heilstätte richtig schwer gemacht. Aber es waren Christen, sagte er. Die haben mich ausgehalten und haben zu mir gehalten. Ich glaube, in ihnen hat Christus zu mir gehalten. Das war auf die Dauer, wie wenn mein Ego, um das sich alles drehen musste in der Sucht und in der Wildheit des Entzugs, wie wenn mein Ego geschmolzen wäre. Ich konnte nimmer. Ich musste mich hingeben, überlassen, dieser Kraft, dieser Geduld, die zu mir gehalten hat. Und dann war da ein Friede in mir, ich kann das nicht beschreiben. Indem ich mein Ego nimmer halten und verteidigen konnte, kam Friede. Völlig anders als der Nebelfriede im Rausch. Friede, unbeschreiblich, aber da. Der hat mich rausgezogen aus dem Loch, aus der Hölle, sagte der Mann. - Nicht so ist dieser Friede, wie ihn die Welt gibt, sagt Christus. Aber er ist von mir. Wirklich und wahrhaftig. Für jeden, der sein Ego mir überlässt. Damit ein neuer Geist einkehren kann in ihn. Amen

Pfarr. Hans-Frieder Rabus