Rogate, 10. Mai 2015

Johannes 16, 23-28. 33

Jesus als Gebetslehrer. Beim Vaterunser lehrt er seine Jünger, um was sie alles bitten sollen. Das erzählen uns Matthäus und Lukas. Hier beim Evangelisten Johannes geht es Jesus nicht um einzelne Gebetsanliegen. Sondern er arbeitet an unserer inneren Haltung beim Beten. In der Situation seines Abschieds aus dieser Welt tut er das. Wo sich bei den Jüngern Traurigkeit breitmacht und die Angst, künftig verlassen zu sein. „Ich bin nicht allein“, sagt er. Obwohl Jesus seinen einsamen Gebetskampf in Gethsemane erst noch vor sich hat. „Der Vater ist in allem bei mir.“ Ich will euch zeigen, wie diese meine Gewissheit auch euer Beten durchdringt: Gott, der Vater, ist unter allen Umständen bei euch.

So lasst uns miteinander nachdenken über unsere Weisen zu beten. Und unsere Nöte des Betens hinhalten in die Wärme und Zuversicht, die wir aus Jesu Worten herausspüren. Die entscheidende Frage ist: Wo bin ich beim Beten? Nicht nur äußerlich, - in der Kirche, in meinem Zimmer, in der Natur, bei einer Arbeit. Sondern wo bin ich mit meiner ganzen Seelenkraft? – Erfahrung von uns allen: Beim Problem. Beten beginnt beim Problem. Not lehrt bekanntlich Beten. Manchmal empfinde ich schon das Wimmern oder Schreien eines Säuglings wie eine Urform des Betens: Hilf mir doch, tu doch was! In orthodoxen Kirchen berührt es mich oft, wie inbrünstig Menschen Kerzen anzünden als Zeichen ihres Bittens. Wie andächtig sie vor einer Ikone verharren, der sie zutrauen, dass sie ihr Gebet verstärkt und zu Gott hin trägt. „Menschen gehen zu Gott in ihrer Not, flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot, um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod. So tun sie alle, alle – Christen und Heiden.“ – Dietrich Bonhoeffer bringt es auf den Punkt: Beim Problem fängt Beten an. Bei uns selber, beim Problem, bei der Not sind wir, wenn wir dringende Bitten haben an Gott.

Dieses Beten im Namen unserer Angst will Jesus weiten und lösen. Darum lädt er ein, in seinem Namen zu bitten. Da wären wir nicht mehr nur beim Problem, sondern zugleich bei ihm, bei Jesus. Was meint das aber genauer: Bittet in meinem Namen? Wenn ich für meine Mutter einen Antrag bei einer Behörde stelle, handle ich in ihrem Namen. Die Betreuungsvollmacht berechtigt mich dazu. Wenn ein Richter das Urteil verkündet, tut er das im Namen des Volkes. Die Gesetze, die durch ein gewähltes Parlament gegeben sind und auf die er verpflichtet ist, ermächtigen ihn dazu. Unsere Gottesdienste eröffnen wir im Namen des dreieinigen Gottes. Wir unterstellen alles, was geschieht, diesem heiligen Namen, und wir sehen uns gewürdigt, zu sprechen und zu hören, als rede Gott selbst. Wir essen und trinken die Gaben des Altars, als ernähre uns Gott selbst. „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen“ – das meint: Seid ganz bei der Sache und doch nicht in euch selbst gefangen. Dazu schenkt uns Jesus die Kraft seines Namens. Wir beten im fremden Namen, nicht nur in eigener Sache. Und wir beten im tröstlichen Namen, dem Namen des Vertrauens. Denn Jesus, dieser Name bedeutet übersetzt: Gott hilft. Die Weihnachtsgeschichte nach Matthäus verknüpft diesen Jesusnamen mit dem bei Jesaja verheißenen Namen „Immanuel“, und der bedeutet: Gott mit uns. In diesem Namen der Zuversicht sollen und dürfen wir beten und stellen uns dabei an die Seite der Jünger. Die müssen wie wir damit fertig werden, dass nicht alles nach ihren Wünschen läuft: der Meister wird grausam von ihnen genommen. Trotzdem sind sie nicht gezwungen, dann nur noch vom Verlust her zu beten, von ihrer Angst, von ihrer Not her. Sondern wir alle dürfen beten im Namen Jesu Christi. Dadurch machen wir Gebrauch davon schon vor dem ersten Gebetswort oder Seufzer: Gott liebt uns und kennt uns bis hinab zu unserm unaussprechlichen Seufzen. Noch bevor ich bete, hört er mich schon in Liebe.

Bei mir ist das zu einer vorbereitenden kleinen Übung geworden: Bevor ich mich setze an den Platz, wo ich gern Stille halte und bete, bleib ich erst mal stehen. Und im Stehen spüre ich in zwei Richtungen in mich hinein: Richtung Gott, dessen liebevoller Gegenwart ich mich jetzt anvertrauen will in aller Herzensunruhe, allen Nöten. Und hin zur Sehnsucht spüre ich: was ist in mir jetzt dran? Was möchte ich vor Gott bringen, jetzt in sein Licht halten? Worum will ich ihn wirklich von Herzensgrund bitten? – Ein Vorbereitungsgebet ist dieses Spüren. Ein Innehalten, das meinen zerstreuten Sinn sammeln soll auf den großen Namen, der mein Beten umfängt.

Noch bevor ich bete, hört mich Gott schon in seiner Liebe. Darum reicht es für manche, ihr Beten zu konzentrieren auf diesen einen Namen und nur ihn betend denken und aussprechen. Das Jesusgebet. Ein inneres oder auch gesprochenes Anrufen Jesu als den liebevollen Herrn meines Lebens. Christen in orthodoxen Kirchen, zunehmend auch im Westen, und vor allem Mönche auf dem Berg Athos pflegen dieses Beten im Namen Jesu mit dem Leitwort: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.“ Sie üben das so inständig, bis dieser Name sich eingräbt in ihren Sinn, auch wo sie gar nicht ausdrücklich an ihn denken. So dass das Herz von alleine betet und mit dem Namen Jesu verbunden ist Tag und Nacht. Das Jesusgebet als Herzensruf: Du, in dem Gottes Liebe mir menschlich nahekommt, dich ruf ich an, mit dir leb ich, leid ich, sterb ich, - dein bin ich, Jesus, ewiglich.

Wo bin ich beim Beten? Wir sahen: zuerst beim Problem. Ich bete, um mit Gottes Hilfe etws zu "machen", es in meinem Sinn zu verändern. Wir sahen als zweites: bei Jesus, im Raum seines Namens dürfen wir betend sein. So heißt Beten über alle Machen-Wollen hinaus: Ich will mich üben. Ich will mein Herz daran gewöhnen, dass es betet in Jesu Namen, dass es pocht zu Gott hin in aller Lust und aller Not, als bete Jesus selbst in mir. - Natürlich rtschen wir da immer wieder zurück. Rutschen aus dem Herzensvertrauen heraus in all das viele, das uns beschäftigt, zerstreut, zerreßt auch. Aber in allem umfängt uns der Friede Gottes. In allem trägt uns das Wort Jesu, mit dem er unser Herausfutschen umarmt und bei sich hält: "In der Welt habt ihr Angst; ich weiß. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden."

Pfarr. Hans-Frieder Rabus