Misericordias Domini, 19. April 2015

Der gute Hirte Johannes 10, 11-16. 27-30

In meiner Gemeinde auf der steinigen Schwäbischen Alb konnte ich öfter zuschauen, wie ein Schäfer seine Herde führt. Er hat drei „Führungsinstrumente“ – so will ich das mal nennen. Als erstes: die Schippe – ein langer Stock mit kleiner Schaufel dran, bei der aber noch ein Haken an der Seite heraussteht. Mit der Schaufel wirft er in großem Bogen trockenen Schafmist, um die Tiere in eine bestimmte Richtung zu lenken (vgl. Hirtenschleuder im Orient: David). Notfalls kann er mit dem Haken ein Schaf auch am Bein fassen, wenn es sich ganz daneben benimmt. Obwohl der Sporn mehr dazu dient, den Schafmist aus dem Fell der Tiere zu kratzen. Aus der Hirtenschaufel hat sich übrigens das Symbol des Bischofsstabs entwickelt. Dass er oben als Krummstab ausläuft, ist vom Ursprung her der Fanghaken, der die Schäflein von Abwegen zurückbringen soll  - na, wenn das mein Bischof mal mit mir versucht hätte… Als nächstes hat der Schäfer den Hund. Das ist sein beweglichstes Werkzeug. Ich hatte beim Zuschauen immer wieder Freude daran, wie genau die Tiere die Befehle ihres Herrchens verstehen, sofort losrennen und mit Eifer die Schafe dirigieren. Die haben Spaß an ihrer Arbeit, das sieht man. Als drittes Werkzeug nenne ich den Zaun: heutzutage schnell abgesteckt mit Plastiknetzwerk oder Elektrodraht – schon ist der Schafspferch fertig als Bleibe für die Nacht.

Aber ehrlich: besonders angenehm hören sich diese Führungsinstrumente für uns Menschen ja nicht an. So finde ich es schön und befreiend, dass Jesus mit anderen Mitteln arbeitet. Er hat als Hirte eine ganz innige Beziehung zu seinen Anbefohlenen, den „Schafen“. Er kennt sie mit Namen – versuch das mal bei einer Schafherde, wo doch alle gleich aussehen! Das bedeutet: Jesus kennt seine Schafe nicht nur äußerlich, sondern in der Seele. Er weiß um all das, was jeder einzelne fühlt, ersehnt, leidet, worüber er sich freut, was ihm oder ihr Sorgen macht. Und dieser Hirte Jesus weiß auch, dass seine Schafe ihn kennen. Daran merken wir: er sieht uns Menschen, die ihm nachfolgen, er sieht die Kirche als seine „Herde“ an. Und gewiss gehören auch Menschen außerhalb unserer Kirchen dazu, denn dieser Hirte geht jeder Seele nach und will nicht, dass eine verloren geht.

Zum Kennen kommt das Schützen hinzu. Jesus, der gute Hirte, will nicht halt sein eigenes Schäfchen ins Trockene bringen. So erleben wir es ja leider in vielen Ländern: Geld spielt bei manchen die Hauptrolle, wenn sie nach Macht streben und Führungsposten übernehmen in Staat und Wirtschaft. Selbstbereicherung, Korruption, - auch Ausspionieren, heimlich Daten sammeln, die Kaufgewohnheiten der „dummen Schafe“ für den eigenen Gewinn nutzen. Wenn man genug Geld für sich abgezweigt hat und in der Schweiz oder auf Cypern versteckt, dann lassen manche die Regierung platzen und treiben das dumme Volk zu Neuwahlen wie Schafe an die Urnen. Damit man keinen verantwortlich machen kann. Schuld sind nämlich so immer nur die anderen, die Vorgänger. Das sind die Werkzeuge von schlechten Hirten. Jesus nennt sie nüchtern „Mietlinge“, käufliche Menschenhüter, - ja sogar ganz direkt „Diebe“.

Wenn Jesus der gute Hirte ist, macht das was mit mir, merke ich. Da fühle ich mich zu ihm hingezogen. Da möchte ich immer tiefer ihn kennen lernen, ihn, der mich ja besser kennt als ich mich selbst. Und da möchte ich in meinem Bereich ein Führender werden ähnlich wie er. Was kann Jesus uns da lehren? Und wie geschieht das, dass meine Lebenshaltung geformt wird in dem Maß, wie ich Jesus tiefer erkenne? – Vergegenwärtigen wir uns jetzt im Stillen: Wo bin ich gerade zum Menschenhüten und Menschenführen bestellt? Wo soll es sich auswirken, dass ich zu Jesu „Herde“, das bedeutet: zur Lerngemeinschaft um diesen guten Hirten gehöre? Wie kriegen z.B. Eltern, Großeltern solche Hirtenseelen für die Gehversuche und Lebensexperimente der Kinder? Wie sind wir Lebenspartner, Freundinnen und Freunde füreinander, die einander „die Seelen erquicken“, wie es im Psalm vom Guten Hirten heißt. Als Mitarbeitender im Team, als Chef, als verantwortliche Kraft in Firmen, Schulen, Kirchen, Aufsichtsräten, Behörden, Botschaften, Nichtregierungsorganisationen usw. – alle stehen wir vor der Frage: Wie wird unser Alltag mit seinen Entscheidungssituationen und Reibungsverlusten, mit Sternstunden und Pannenserien: wie wird unser ganz normales Leben durchlässig für den Geist dieses Guten Hirten?

„Meine Schafe hören meine Stimme“, sagt Jesus.  Und zeigt damit: Das Ohr ist unser wichtigstes Organ, das uns zu guten Hirtinnen und Hirten macht. Nicht unsere eigene Lebensweisheit, Fachkenntnis, Durchsetzungskraft oder taktisches Geschick – so wichtig all das an seinem Platz auch ist. Vielmehr das Ohr. Immer wieder kehrt schon das alte Israel zu diesem spirituellen Hauptorgan zurück, und Jesus nimmt das auf in seiner Hirtenrede – jenes: „Höre, Israel, dein Gott, den du nicht siehst, er ist da.“ Und wie! Für dich da, um dich zum Leben zu führen und vor Todeswegen zu bewahren. Auch gegen deinen Willen ist Gott da, wenn Du lieber dein eigenes Ding drehen möchtest. Erst recht als Gegenüber ist er da, weiß die Bibel, als einer, der dich stellt, dich fragt: Adam, Mensch, wo bist du? Dich fragt wie den Kain: Wo ist dein Bruder Abel, dein Mitmensch? Und lässt seine schnippische Antwort nicht gelten: „Soll ich etwa meines Bruders Hüte-Hirte sein?“  - auch, indem er dran bleibt an unserem Gewissen, ist Gott für uns da und nicht gegen uns.  Und lehrt: „Verantwortung“ hat mit „Antwort-Geben“ zu tun.

Eine der großen Führungskräfte im alten Israel hatte mal die klassischen drei Wünsche frei bei Gott. Aber er benötigte nur einen Wunsch: er bat Gott um ein „hörendes Herz“ (1. Kön 3, 9). König Salomo war das. Sein Name wurde Programm – Schalom, Friede bedeutet er. Das will sagen: Derjenige Politiker ist fähig zum Frieden, der hören kann und will: die Nöte der Menschen im eigenen Land – und der Menschen, die z.B. an Europas Grenzen drängen. Derjenige Vorsitzende eines Konzerns ist fähig, auch in kritischen Zeiten gut zu leiten, der nicht an den eigenen Vorteil, das eigene Ansehen denkt. Sondern auf gute Berater und mahnende Stimmen hört. Nicht zuletzt auf Gottes leises Wort hört – dem er sich im tiefsten verantwortlich weiß. Auch das, was wir soeben machen, ist eine Hörübung für uns kleine Leute: Bibel vorlesen, Linien andeuten, auf denen die alten Worte uns heute meinen könnten. Offen sein für das innere Gespür: Wo trifft Jesus, der gute Hirte, heute mich? Dass er mir das Vertrauen stärkt. Dass er meine Ängste löst. Dass er mein Gewissen schärft. Dass er meine Entschlusskraft stärkt, eine Entscheidung nun einfach zu wagen – im Wissen um mein Fehlerrisiko als Mensch. Man hört nur mit dem Herzen gut. Dieses Herzhören auf die Stimme des Guten Hirten nennt die Bibel auch: Gehorsam. Und meint damit keine Sklavendienste. Sondern die freie und verantwortliche Tat eines Menschen, der doppelt hört: das eine Ohr beim Guten Hirten hat, das andere am Herzen der Menschen. Amen

Pfarr. Hans-Frieder Rabus