Ostersonntag, 05. April 2015

Die Auferstehung Jesu Christi Markus 16, 1-8

Ja wo kämen wir denn hin, wenn es nicht mehr gilt: tot bleibt tot?

Was wäre das für eine Welt, wo all die Möchtegern-Herren nicht mehr drohen könnten: entweder ihr unterwerft euch unserer Herrschaft, oder wir bringen euch um? Wo bliebe die Macht der Kremlchefs; die geostrategische Kriegslust mancher westlicher Senatoren? Wo bliebe die Macht der Terrornetzwerke, wenn es einfach nicht mehr funktioniert auf dieser Welt: tot bleibt tot, und die Furcht davor verleiht dem Gewalttäter seine Macht? – Wenn sich Machtmenschen auf nichts mehr verlassen können, nicht mal auf den Tod, - dann käme doch alles außer Kontrolle!

Ich verstehe die Frauen am Ostermorgen, wie entsetzt sie sein mussten. Ihnen war nur noch Leid und Trauer geblieben, nachdem sich die Macht der römischen Herrscher an Jesus ausgetobt hatte, bis er unter grässlichen Folterqualen am Kreuz gestorben war. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ war nach dem Markusevangelium sein Todesschrei gewesen. Nicht mal eine ordentliche Beerdigung gab’s. Denn der Sabbat war schnell angebrochen. So hatte man Jesus durch gute Beziehungen eines Jerusalemer Ratsherrn rasch noch vom Kreuz holen können – eigentlich sollte er ja zu Abschreckung dran hängen bleiben, sein zermarterter Körper sollte quasi ins Internet gestellt werden, damit jeder wissen soll: gehorchen – oder sterben.

Mit duftenden Ölen waren die Frauen gekommen zur Totensalbung. In Ruhe Abschied nehmen wollten sie von ihrem geliebten Meister. Ihn nochmals voll Liebe berühren, einbalsamieren. Den gemarterten Leib verbinden mit frischen Leintüchern. Und dann unter Totenklage und Tränen zur letzten Ruhe betten. – O sie gehen mir nah, diese Frauen. In ihnen sehe ich verkörpert die nicht endende Reihe von Menschen, die sich auf schweren Beerdigungen kaum noch auf den Beinen halten können vor Schmerz am offenen Grab. Denn da unten liegt ihre Liebe, und sie können sich nicht von ihr trennen. Und mit dem Blumenstrauß oder der Schaufel Erde werfen sie ihr eigenes Herz mit hinunter, um dem Geliebten nahe zu sein, - wo es doch kein Nahe-Sein mehr geben kann. Weil der Tod das Band zerrissen hat. Ja, diese Frauen stehen mir heute auch für all die Angehörigen, die nicht einmal ein Grab haben als Ort ihrer Trauer: denn ihre Lieben sind bei der Flugzeugkatastrophe in den Bergen zerschellt. Und die zerrissenen, suchenden Herzen der Hinterbliebenen müssen ins Leere gehen in ihrem Schmerz, - so wie es den drei Frauen am Grab widerfährt, - das leer ist.

„Er ist nicht hier“, sagt ihnen der Unbekannte in der Osterhöhle. „Gott hat Jesus vom Tod auferweckt.“ Der Stein ist weggewälzt. Jesus konnte man auch durch Tonnengewichte nicht einsperren, ausschalten für immer. Nein, es ist Ostern! Das bedeutet: Gott mischt sich energisch ein gerade da, wo die Herren dieser Welt ungestört schalten und walten wollen. Und wo Kriege und Katastrophen immer neu Menschen heimsuchen. Ostern – da entmachtet Gott die Machthaber unseres Lebens, und ihren letzten Trumpf, den Tod. Jesus ist nicht hier, im Grab. Er ist auferstanden. –

Nicht zu fassen, solch eine Botschaft. Da bin ich auch nach zweitausend Jahren christlicher Verstehens-Versuche sprachlos wie die Frauen.  Leeres Grab, leerer Verstand, keine erklärenden Worte – Ostern ist das Fest, das uns zuerst was nimmt. Unsere Sicherheiten, wie es auf dieser Welt zugeht nämlich. Am Osterschreck vorbei kommen wir nicht zur Osterfreude, sollen wir hier lernen. „Er ist nicht hier“, gibt uns der Unbekannte zu kauen. Unsere Räume, seien es Gräber, Städte, Kirchen, Verstandesgebäude, Herzen – unsere Räume können den auferstandenen Christus nicht fassen! Wir leiden vielleicht gerade am heutigen Tag darunter, wie wenig Gottes Lebensmacht zu sehen ist, wenn wir an einen Kummer in uns oder unserm Umkreis denken; wenn uns Katastrophen erschüttern und der Unfriede auf der Welt unser Gemüt verdunkelt. Ostern – das Fest, das dich trotz aller gefüllten Nester mit einem leeren Raum erwartet: Nicht hier, sagt der  junge Mann im Grab, in der Osterhöhle. Nennen wir diesen Unbekannten ruhig „Beli anđeo“, den Weißen Engel.

Wo ist er dann, der Auferstandene? – Er geht euch voraus, - so die Antwort. Geht euch immer voraus. Euch Jüngern nach Galiläa, sollen die Frauen ausrichten. Vor allem dem Petrus. Denn der hat bis zuletzt unserer Not und unserm Weltgesetz gehorcht, das da sagt: Gewalt kannst du nur durch Gegengewalt eindämmen. „Steck dein Schwert wieder ein“, hatte Jesus ihn beschieden: Frieden schafft man nicht mit Gewalt. Weiter als zu brüchigen Waffenstillständen kommt man nicht, wenn man kluge, vorausschauende Politik durch Militär ersetzen will oder muss. Waffengewalt bleibt immer nur ein letztes, verzweifeltes Mittel.

In Galiläa wartet der Auferstandene auf die Jünger. Also dort, wo alles angefangen hat. Mitten in ihrer Arbeit, wo die Netze geflickt werden müssen zum Fischfang. Wo Alltag ist und man im Kleinklein von Familie und Kollegenkreis manches hinkriegt, manches erträgt, sein Glück, sein Leid erfährt. Da sollen wir dem Auferstandenen begegnen. Oft sind wir gehetzt, weil wir so viel erledigen müssen. Oft möchten wir davonlaufen wie die Frauen, weil Schweres bevorsteht oder wir in Leid geraten sind. Oft können wir Ostern nicht glauben, weil so viel Tod und Not herrscht auf der Welt, - haben  statt Glauben nur Hohlraum in uns, ein ratloses Herz.

Aber manchmal geschieht es mitten am Tag, dass da leise was hereinkommt, wie ein Lichtschein. Ein Atemholen. Eine tröstliche innere Stimme. Ein Lachen, das den Dampf rausnimmt, die Sorge löst im Herzen: „Weißt du“, sagt die österliche Stimme, „weißt du, nicht du muss die Welt retten. Nicht du kannst die Abgründe der Trauer überwinden. Damit hat vielmehr Gott angefangen. An jenem ersten Ostertag. Auch dir steht Christus bevor und kommt dir entgegen. Er trägt wie auf dem Bild noch die Wundmale an seinem Leib (Matthias Grünewald, Isenheimer Altar. Beuroner Kunstverlag Nr. 1753). Zeigt dir damit: auch Deine offenen Wunden kenne ich – und trage sie ins neue Leben. Auch dir steht Christus bevor und kommt dir entgegen – im Lebens-Alltag, und dereinst im Tod: Denn er ist auferstanden, - für dich!“ Halleluja. 

Hans-Frieder Rabus