Judika, 22. März 2015

Vom Herrschen und vom Dienen - Markus 10, 35-45

 

Platzkarten sind was Feines. Das hab ich vor kurzem bei einem Theaterbesuch hier gemerkt. Um mein Serbisch aufzubessern, hatte ich mir zwei Wochen vorher eine Karte für die Vorstellung am JDP (Jugoslovensko dramsko pozorište) gekauft. Ich hoffte, weil ich diese deutsche Komödie kannte, dass ich einigermaßen was verstehe. Und war überrascht: Warte-Schlangen an der Abendkasse.  Der ganze Saal bis auf den letzten Platz besetzt. Ja, Platzkarten sind da was Feines und können einen im Voraus schon mal beruhigen.

Die beiden Jünger bitten Jesus um sowas wie geistliche Platzkarten. Links und rechts neben Jesus wollen sie sitzen, wenn er das Festmahl eröffnet als König im Reich Gottes. Wir lächeln darüber, finden es kindlich? – Nun, so fern sind solche Ideen auch in unserer Kirchengeschichte nicht. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein waren die vorderen Sitze in vielen deutschen Kirchen verpachtet. Ein Namensschild wies auf den Platzbesitzer in der Kirchenbank hin. Natürlich saßen die ehrwürdigen Menschen des Dorfes vorn, weil sie sich die besten Plätze leisten konnten. Die dunkle Seite des geistlichen Platzkartendenkens kennen wir auch: Lange Jahrhunderte war es ganz und gar nicht selbstverständlich, dass ein Selbstmörder innerhalb der Friedhofsmauern beerdigt werden durfte. Sein Platz war außerhalb. – Auch die Reformation war im Grunde nur deshalb notwendig, weil die Kirche sich angewöhnt hatte, Platzkarten im Himmel für die Leute auszugeben. Sogar gegen Geld tat sie das: Ablasshandel. Man muss sich doch die besten Plätze im Reich Gottes sichern und was dafür tun...

„Ihr wisst nicht, was ihr bittet“ – Jesus unterbricht kopfschüttelnd den Drang der beiden Jünger, doch ja ganz nahe bei Jesus zu sein und sich die Ehrenplätze zu sichern. „Wollt ihr wirklich eure irdischen Wertmaßstäbe bis in den Himmel hinein verlängern?“ gibt er ihnen zu bedenken. Dass es auch dort so zugehen soll: wer gute Beziehungen hat, kommt zu was. Und wer den Chef nicht persönlich kennt, hat halt keine so guten Chancen, was abzubekommen von der ewigen Seligkeit? – Na, euch werde ich die spirituellen Reservierungswünsche wohl ein wenig zurechtrücken müssen, denkt Jesus vielleicht, indem er fragt: „Könnt ihr den Kelch trinken – haltet ihr die Taufe aus, durch die ich hindurch muss?“ – Anders als den beiden Jüngern bleibt mir eine Antwort im Hals stecken. Denn ich weiß, im Unterschied zu ihnen: Im Kelch funkelt nicht nur der köstliche Hochzeitswein von Kana. Sondern es ist auch der bittere Kelch vom Garten Gethsemane, der vergällte Schwamm von Golgatha, den Jesus überhaupt nicht trinken will und dennoch trinken muss. Und Taufe ist nicht nur die Johannestaufe am Jordan, wo die Taube eine göttliche Botschaft brachte: Du mein geliebter Sohn. Sondern die Fluten des Todes sind jetzt das Taufwasser, in das Jesus getaucht wird und das ihn verschlingt.

Nah bei mir bedeutet: Ganz bei mir. So arbeitet der Meister liebevoll an den kindlichen Größenwünschen seiner beiden Jünger.  Jesus nahe, nicht nur im Lachen, sondern auch beim Weinen. Ganz bei Jesus – wisst ihr, was ihr damit bittet? So fragt er nicht nur die beiden. Sondern fragt auch dich und mich. Fragt mitten in unsere Sehnsucht hinein, dass es uns aufbauen, trösten, schützen und in der Seele wärmen möge, wenn wir an Jesus glauben und ihm nachfolgen wollen. Das ist gewiss nichts Unrechtes. Sondern entspricht seinen Worten: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Nah bei Jesus meint nicht nur: ich will auf den Ehrenplatz neben ihm. Sondern auch: Ich brauche es, dass er den Arm um mich legt und mich stärkt durch seine Liebe. – Diese Liebe kostet mich viel, zeigt Jesus mit seiner Antwort. Und es kann Zeiten geben, wo es auch euch Christen viel kostet, meine Liebe zu erwidern und zu mir zu halten. Denn Liebe, für die Jesus lebt und stirbt, ist ein Geben und Nehmen. Und den Weg der Liebe lernen in seinen Fußspuren, kann bedeuten, auch den Widerstand der Machtmenschen und Friedensfeinde unserer Welt mit Jesus zusammen abzubekommen.

Nah bei mir heißt: ganz bei mir“, - liebevoll arbeitet Jesus an den Seelenwünschen der beiden. Und muss jetzt auch noch die übrigen Zehn einfangen. Denn die protestieren, wenn da zwei von der Mannschaft sich die größten Happen rausnehmen und für sich reservieren wollen in der Ewigkeit. „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder“. Ihr wisst, wer hierzulande auf dem Balkan einen Parlamentssitz errungen hat, der schiebt seinen Parteifreunden einträgliche Pöstchen zu, für die der Mann auf der Straße die Zeche zahlt. Ihr wisst, wer sich mit Rückhalt bei seinem „Großen Bruder“ zum Warlord, zum Kriegsherrn aufschwingt in der Ostukraine, dem sind die Leiden der Menschen egal. Er will Macht – und opfert ihr alles. Ihr wisst, wer sich an der Börse teuer genug verzockt, erklärt seine Bank für „systemrelevant“ und lässt den Steuerzahler die Schulden fahrlässiger Finanzpolitik tragen. Ihr wisst… – ja, wir wissen, wie es zugeht. Leider nicht anders als damals.

„Aber so ist es unter euch nicht“ – mit einem Machtwort durchbricht Jesus den endlosen Kreisel, wo Menschen erst sich selber großmachen über die anderen – bis die dann den Spieß rumdrehen mit populistischen Parolen und entsprechenden Wahlerfolgen. Jesus zeigt den Weg zu wahrer Größe: Dienen, so nennt er diesen Weg. Dienen statt Herrschen. Anderen zu guten Plätzen verhelfen statt selber Platzkarten beanspruchen. Wir versuchen das in der Kirche zu leben. Viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich für andere: Gottesdienst, soziale Arbeit, Besuche. Ja, manche kirchliche Berufe tragen das griechische Wort aus dem NT für Dienen im Namen: Diakon, Diakonisse. Jesus will keine andere Kirche als eine diakonische Kirche, das lernen wir hier.

"Der Menschensohn ist gekommen, dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele." Damit rückt Jesus das Thema "Platzkarten" und "Oben sein wollen" in einen unvermuteten Horizont: Vorausblick auf seine Kreuzigung. Der Helfer - kann und wird sich slebst nicht helfen. Sondern sein Leben verlieren unter Qualen. Unschuldig. Unverdient, so ein Ende. Doch jetzt wiederholt sich die Geschichte: zwei andere sind auf den Plätzen zu seiner Rechten und Linken. Mit ihm gekruzigt. Schwerverbrecher. Terroristen. Untendurch für alle Ewigkeit. - Einer der beiden wagt´s, will noch näher hin zu diesem wudersam Leidenden. "Gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst." (Lk 23,42f), bittet er. Und Jesus nimmt seine erlöschende Seele an der Hand: Ja, komm mit mir, heute - ins Paradies. - Ganz ohne Platzkarte darf er rein, ohne dass er´s verdient hätte. Weil Jesus ihm dient. In mitreißender Hingabe, die sich nicht einmal vom Tod aufhalten lässt. Amen.

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus