Okuli, 08. März 2015

Vom Ernst der Nachfolge - Lukas 9, 57-62

Ist ja nicht gerade einladend, wie Jesus hier mit Menschen umgeht, die seine Jünger werden wollen! Warum macht er’s den Leuten nur so schwer? frage ich mich. Ich hab den Eindruck, Jesus will, dass die Leute den Preis nicht unterschätzen, den ein Leben mit ihm kostet. Für mich Westdeutschen war es in meiner ganzen Lebensspanne kein Risiko, Christ zu sein. Ich hatte keine Nachteile dadurch. Wäre ich in der DDR geboren, wüsste ich um Nachteile. Vielleicht hätte ich kein Abitur machen und studieren dürfen, wenn ich’s allzu offensichtlich mit diesem Jesus halte. Und würde ich heute in Syrien leben, sähe es ganz schlimm aus, wenn ich Jesus nachfolge. Womöglich wäre ich da schon tot. Nur deshalb umgebracht, weil ich Christ bin. Da geht es unendlich schwer über die Lippen, was sich hier im Bibeltext so leicht anhört: dass da einer zu Jesus sagt: „Ich will dir folgen, wohin du gehst“.

Also: wenn ich nicht bei jedem Gegenwind aus den Schuhen kippen will, muss ich mir schon überlegen: Will ich das wirklich, mit allen Konsequenzen, Jesus Christus nachfolgen? Wieviel bedeutet es mir, dass ich mich Christ nennen darf nach ihm? – An diesen drei Menschen um Jesus lerne ich: Wenn ich ihm wirklich nachfolgen will, dann geht es um die Fragen: Wo bin ich ganz und gar zuhause? Wem gegenüber bin ich am tiefsten verpflichtet? Welchem Ziel gilt meine ganze Kraft?

Ich war in meiner Jugend zuhause in einer alten Reichsstadt. Da war ich schon stolz darauf. Gern bin ich auf ihr Wahrzeichen gestiegen, den höchsten Kirchturm der Welt – das Ulmer Münster. Von oben sah man gut in die alten, verwinkelten Gassen. Und man sah die Weite, in die hinein der Donaufluss den Blick zog. Es ist schön, sich über seinen Heimatort zu freuen und auch ein bisschen stolz darauf zu sein. Nur: Jesus hat gar keine gute Adresse. Er ist ärmer als ein Fuchs in seinem Bau oder ein Vogel in seinem Nest. Jesus hat gar nichts. Er gehört nirgendwo hin, sagt er. Ist auf barmherzige Menschen angewiesen, die ihm einen Schlafplatz auf Zeit gewähren.  Sonst bleibt er ohne Dach über dem Kopf für die Nacht.

Was er meiner Seele zeigt dadurch? Vielleicht: mach dich nicht zu breit in dieser  Welt. Leite nicht aus deiner Heimatstadt oder deinem Vaterland ab, wie wichtig du bist, und was alles dein gutes Recht ist, das du verteidigen musst. Gott hat dir ein anderes Zuhause geschenkt. Nicht nur einst in der Ewigkeit, nach deinem Tod. Sondern mitten im Leben ein anderes Zuhause. Dass du bei allem Stolz auf deinen Wohnort nie vergisst: Es ist ein Geschenk, wenn wir Menschen auch eine äußere Heimat haben. Und zugleich ist es eine Gefahr, dass wir Heimat, Vaterland anbeten, als sei das etwas Heiliges. Dass wir behaupten, seit uralten Zeiten ein Anrecht zu haben gerade auf dieses Stück der Erde. Die Gefahr ist, dass auch unsere Kirchen bei diesem nationalen Götzendienst mitspielen: die deutschen Kirchen haben das getan im Dritten Reich, die jugoslawischen während der religiös aufgeladenen Kriege. Zum Kosovo hört man von manchen Serben bis heute solche national-religiösen Töne. Auch die russischen und ukrainischen Kirchen rufen leider nicht nur zum Frieden auf. Sondern segnen halt auch Kämpfer und Waffen. - Jesus will aber solchen Missbrauch Gottes nicht.  So zeigt er an sich selbst: Unsere Heimat ist in Gott, und nirgendwo  anders. Verankere deine Seele bitte nicht bis zum äußersten auf irdischem Boden. Sonst wächst in dir die Bereitschaft zur Gewalt.

Wem gegenüber bin ich am tiefsten verpflichtet? – ist das zweite, das Jesus fragt und lehrt. Am Grab meines Vaters lehne ich mich manchmal auf den Grabstein, tätschle den vielleicht dankbar und sag: Hallo Dad, - gute Idee, dass du mich gezeugt hast! Schön, dass ich dir so viel verdanke. Etwa einen Sinn dafür, wie groß und schön die Schöpfung doch ist. Oder auch dein wortloses Beispiel: Probleme sind zum Lösen da und nicht zum Jammern. Da finde ich schon pietätlos, was Jesus sagt: „Lasst die Toten ihre Toten begraben.“

Mir scheint, durch diese „Schocktherapie“ will Jesus zeigen: Wenn du mit Gott gehen willst, ist es schnurzegal, ob du aus einer guten Familie kommst oder aus einer, die keinen großen Namen hat. Wenn du mit Gott gehen willst, darf deine Herkunft, deine „Zadruga porodična“ / Großfamilie dich nicht im Tiefsten bestimmen. Da darf auch dein „Kum“, dein Pate, nicht mehr aus dem Hintergrund dir dreinregieren und Gegenleistungen fordern. Wenn du wirklich mit Gott gehst, verlieren die menschlichen Netzwerke ihre Macht, - wo es halt immer auch fließende Übergänge gibt zwischen Familien-Loyalität und Korruption.

Wir haben an Jesus gesehen: Der Weg mit Gott gibt mir andere, größere Koordinaten als Heimat und Vaterland. Der Weg mit Gott ruft mich in andere, tiefere Bindungen als die von Familie, Volksgemeinschaft, Nation. Als Drittes bedeutet ein Weg mit Gott, ganz entschlossen und zielgerichtet zu leben. Normalerweise betreiben wir ja viele Sachen zugleich und müssen das auch können. Wir merken dabei, wie reich das Leben doch ist: Ich freu mich über meine schönen Aufgaben hier – und über meine Lebensmöglichkeiten in Deutschland. Ich pflege mein Interesse für Länder, Reisen, Kulturen – und meine Lust an der Bibel, am Schweigen, am Alleinsein zwischendurch. Wenn es aber darum geht, ganz entschlossen einem einzigen Ziel zu folgen, da wurde mein Rucksack mir der beste geistliche Lehrer. Der sagt mir nämlich jedesmal beim Packen für eine mehrtägige Wanderung ohne Worte: „Was du nicht zurücklassen kannst, das musst du mit dir tragen.“ Ich hab’s dann schnell auf den Schultern gespürt, ob ich unnötige Dinge tagelang mit mir herumtrug. Was das alles sein kann, das wir beim Aufbruch zu Gott nicht zurücklassen mögen? Das können Kräfte, Ängste, innere Verpflichtungen aus meiner Familiengeschichte sein. Es können Verletzungen sein, von denen ich mich nicht lösen kann. Fehlentscheidungen, Schuld, Stolz auf etwas Erreichtes, Verklärung einer „guten alten Zeit“ in meinem Leben. „Was du nicht lassen kannst, musst du mit dir tragen“, sagt Jesus ganz nüchtern.

„Lebe entschlossen“, ermuntert uns Jesus durch diese drei Gespräche auf dem Weg. Wenn es gilt, lass das Konventionelle deines Lebens zweitrangig sein: dass man sich z.B. ordentlich verabschiedet von seinen Angehörigen – und sie dadurch indirekt um Erlaubnis bittet.  Mach dich ganz frei für den Weg mit Gott. Da brauchst du wenig, viel weniger, als du denkst. Aber du bekommst viel: bekommst einen Sinn dafür, wo überall dich Gott beschenkt jeden Tag. Und bekommst ein Herz, das klar unterscheiden kann: Was führt mich eher auf einen Weg, wo sich in mir Sorge und eigene Interessen breit und breiter machen? Und was führt mich umgekehrt auf den Weg, wo die Liebe wächst in mir und die Güte? Einzig zu diesem Weg möchte ich Ja sagen lernen ganz und gar. Es ist der Weg hinter Jesus drein - hin zu Gott. 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus