1. Sonntag d. Passionszeit (Invokavit), 22. Februar 2015

Matthäus 4, 1-11

 

 

Jesus bei Dienstbeginn erleben wir hier. Es geht ihm nicht besser als z.B. dem Lehrer einer neuen Schulklasse. In der ersten Stunde wirst du noch neugierig beschnuppert. Spätestens in der zweiten Stunde beginnt die Testphase: Was an Unsinn und heimlichen Schülerspäßen merkt der neue Lehrer, welche Frechheiten darf man sich bei ihm rausnehmen, wo sind seine Schwachpunkte, welche Fallen kann man ihm stellen? Im Klassenzimmer wird sowas jugendlich-unbekümmert ausgelebt. Es betrifft uns aber alle. Jeder Mensch wird vielfach auf die Probe gestellt: Im Beruf. In Partnerschaft, Ehe, Familie. Durch Dinge, die einen aus der Bahn werfen können: Krisenzeiten, Leiden, Verlockungen. – Spürst du, wozu du auf der Welt bist, ahnst deine Sendung, wozu dich Gott geschaffen hat und dir Kräfte, Kreativität und Lebenszeit schenkt? So dass du von deiner inneren Grundhaltung her Kurs halten kannst – oder kommst du ab von deiner Berufung? Lebst neben dir selber her? Auf solche Fragen will ich achten, indem ich Jesus betrachte, wie er ins Schlingern gebracht werden soll, - und wie er standhält.

Dreimal wird Jesus getestet. Dreimal muss er lernen, Nein zu sagen. Die erste Probe: der Hunger. Jeder Mensch hat Hunger, und Hunger haben ist nichts Böses, sondern eine Not. Ich wäre nicht draufgekommen, warum man hier Nein sagen müsse. Jeder Mensch hat das Recht, satt zu werden – es ist doch das schreiende Unrecht unserer Tage, dass unendlich viele Menschen sich nicht mal sattessen können. – Doch für Jesus ist das Wundermotto: „Mach Steine zu Brot“ die erste Falle, in die er tappen soll. „Wenn du der Sohn Gottes bist“, sagt die Versucher-Stimme, dann musst du doch keinen Hunger leiden, sondern kannst dem locker abhelfen. „Wenn du an Gott glaubst“, sagt je und dann eine Stimme in mir, dann muss es dir doch besser gehen als dem Durchschnitt. Dann musst du deine Lebensprobleme doch gelöst bekommen. Im Alltag ebenso wie in Anfechtung und Not. Wenn du in Christus Gottes Sohn, Gottes Tochter bist, dann muss dein Leben doch leichter und erfolgreicher werden. Was nützt dir sonst Taufe und Glaube?

Jesus hält dagegen: „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.“ Damit stellt er nicht nur seinen Hunger, sondern unsere Lebensbedürfnisse insgesamt an ihren rechten Platz. Es geht um die Grundhaltung, die alle lebendigen Wesen bestimmt: Wenn ich was brauche, dann nehme ich es mir halt. Diese Haltung wird bekämpft und in ihre Grenzen verwiesen, weil  Jesus vertraut: Wenn ich was wirklich brauche, dann wird Gott mir das schenken. Nicht ohne meine Arbeit schenkt er mir das tägliche Brot, gewiss. Aber Arbeit ist nicht alles. Ich kann, ich darf und ich muss mir nicht alles selber „verschaffen“, wie wir im Deutschen sagen.

Unsere Lebensbedürfnisse, unsere Wünsche, unser Begehren können uns nämlich aufs Glatteis führen. Dass wir unseren Bedürfnissen das letzte Wort geben. Dadurch verlernen wir, dass wir das Wesentliche im Leben nur empfangen können: Gesundheit, Glück, Liebe, tägliches Auskommen – es wird uns von Gott geschenkt. Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sagt Jesus. Wenn wir das nicht hören wollen, rutschen wir auf unseren Bedürfnissen aus - und landen am Ende bei maßloser Gier. Ungebremste Geldgier hat vor sieben Jahren unsere Welt in schwerste Wirtschaftsnöte geführt. Ungebremste Gier hält seit langem Griechenland und andere Balkanländer in Korruption gefangen und verhindert, dass der kleine Mann sein täglich Brot erwirtschaften kann. Nicht vom Brot allein – diese geistliche Unterscheidung, die Jesus hier trifft, ist für uns alle überlebensnotwendig.

Zweite Testfrage des Versuchers: Was kannst du alles, wenn du Gottes Sohn bist? Jesus oben auf dem Tempel: Höhe und Tiefe verbinden, die mühsame Erdenschwere spirituell überwinden ist Kern jeder Religion. „Spring hinab“ – das spielt mit der Sehnsucht: Wie komme ich über meine Ängste hinaus? Wie schwebe ich mit Gottes Hilfe ein wenig über den Dingen? Ganz fromm kommt die Versucher-Stimme daher und zitiert Psalm 91: Die Engel werden dich auf ihren Händen tragen und sanft landen lassen.

Die Bibel wörtlich zu nehmen ist noch keine Garantie, dass ich Gott wirklich beim Wort nehme, weiß Jesus. Die Bibel wörtlich nehmen dient oft mehr der eigenen Absicherung als dem Gottvertrauen. Wenn Menschen mit Berufung auf die Bibel z.B. Blutübertragungen verweigern oder ins Schullehrbuch reinschreiben, dass die Erde in sechs Tagen geschaffen wurde, verfehlen sie den Geist solcher Bibelstellen, bleiben im Buchstaben hängen. Darum kontert Jesus: „Du sollst Gott nicht versuchen“. Das meint: Du sollst keine Experimente mit ihm machen und ihn für deine vorgegebenen Zwecke einspannen. Mit Gott kannst du überhaupt nichts „machen“, gibt uns Jesus nüchtern zu verstehen. Wenn du experimentierst oder übersinnliche Wirkungen erzielen willst, verfehlst du Gott: du versuchst ihn, anstatt dass du ihm vertraust.

An dem, was wir brauchen, hakt der Versucher ein. Mit dem, was wir gern können möchten, spielt seine Stimme verführerisch. Als Drittes packt sie uns da, woran jeder Mensch am stärksten hängt seit seinem ersten Trotzalter: an unserm Wollen. Es ist ein Glück, dass wir Menschen Ziele ins Auge fassen und sie mit großer Willenskraft verwirklichen können. Von persönlichen Lebenszielen bis zu den großen Menschheitszielen: Frieden, Gerechtigkeit, Klimaschutz. Da müssen wir dranbleiben mit großer Willenskraft, um überhaupt etwas zu bewegen. Aber Wille kann zur Willkür werden, das erleben wir bei vielen Gewaltherrschern. Jesus kriegt angeboten: Alle Welt hört auf dein Kommando. Du Gottessohn könntest doch so viel Gutes bewirken! Musst dich nur stillschweigend dem beugen, dass du ohne Kommando, ohne Macht nichts hinbekommst auf der Welt. „Anbeten“ nennt das der Versucher, wenn die Macht – und halt auch die Gewalt – das letzte Wort haben. Wir sehen solche Machtanbetung, wohin wir nur schauen: in Ost und West – und in uns selbst, wenn wir ehrlich sind.

Nein, ich setze mein Leben auf Machtverzicht, atwortet Jesus. Weg mit dir, du Machvergottung! Der wahre Gott wirkt anders. Auf ihn will ich mein Leben setzen und beten: "Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden". - Dieser Machtverzicht hat Jesus das Leben gekostet. Noch am Kreuz lockt ihn der Versucher: steig doch herab, du Gottessohn! Wehr dich! - Jesus ist nicht ausgerutscht, trotz aller Schmerzen. Er blieb auf der Spur bis zu seinem Tod. Und gerade dadurch hat er den mächtigsten Fürsten dieser Welt, den Tod, entmachtet für immer.  - An Ostern dürfen wir das feiern. Und jeden Tag neu unser Brauchen, unser Können, unser Wollen dem Auferstandenen in die Hönde legen. Amen

 

Hans-Frieder Rabus