1. Sonntag nach Epiphanias, 11. Januar 2015

Jesu Taufe - Matthäus 3, 13-17

Wie findet ein Mensch seine Berufung? Die Taufe Jesu ist etwas Einmaliges, - und gibt zugleich auch eine Antwort auf unsere Fragen: Wer bin ich? Wozu bin ich auf der Welt, und welcher Geist wird mein Leben und Handeln bestimmen? Diese Fragen spüren wir besonders in Umbruchszeiten unseres Lebens: Wenn pubertierende Kinder die Grenzen testen, den eigenen Körper modellieren, ausprobieren, verstecken oder zur Schau stellen, sind sie so auf der Suche nach sich selbst. Wenn ein Mensch in der Lebensmitte einen Neuanfang sucht, im Beruf, manchmal auch in der Partnerschaft  – es ist nicht selten die innere Erkenntnis: So stimmt’s noch nicht mit mir, trotz aller Erfolge und äußerlich gelingendem Leben. Wenn ein älterer Mensch leidet, dass vieles nicht mehr so geht wie früher, ist es dieselbe Frage: Wer bin ich, wenn mich meine Verlässlichkeiten in Körper und Geist nicht mehr tragen? Wohin werde ich gerufen?

Wer bin ich? Die erste Antwort, die Jesus für sich findet, lautet: Du bist auch nur ein Mensch. Bist ganz normal und gehst den Weg, den alle gehen, von der Geburt bis zum Tod. Ja, zugespitzt: Du bist ein ganz normaler Sünder. Ein Mensch halt, - und Fehler gehören zum Menschsein. Du bist auch nur ein Mensch, sagt Jesus zu sich selbst und geht hinunter zum Jordan. - Johannes der Täufer nimmt ihm das freilich nicht ab. „Ich hätte die Taufe durch dich nötig, nicht du von mir.“ Johannes hatte mit großem Pathos Bußpredigten gehalten. Hatte den Menschen ausgemalt, wie das ist, vor dem Scherbenhaufen des eigenen Lebens zu stehen. In seinen Bildern: das göttliche Zorngericht, das droht, wenn ich so weiterlebe. Und er hatte appelliert: Du kannst dich ändern, wenn du nur willst. Erschrick und bereue dein Leben. Dann lass dich taufen, das heißt: Lass deine Sünden abwaschen. - Johannes weigert sich, von Jesus solche seelische Umkehr  zu verlangen. Weil er den Klassenunterschied spürt: dieser Jesus ist schon dort, ist angekommen in sich selbst und bei Gott zugleich. Dem kann ich das Wasser nicht reichen, erst recht nicht das Taufwasser.

Doch Jesus beharrt darauf: Es gehört zu meinem Weg. Ich muss „alle Gerechtigkeit erfüllen“. In der Sprache des Matthäusevangelisten bedeutet das: Jesus ist ganz und gar Mensch. Er erspart sich nichts Menschliches von Anfang an, und am Ende wird ihm auch nichts an Unmenschlichkeiten erspart bleiben. Der wahre Gott wird wahrhaftiger Mensch; der Gerechte geht den Weg aller Sünder. So lässt Jesus sich untertauchen im Jordan.

Was ihm beim Auftauchen widerfährt, hebt das mit dem Menschsein Jesu nicht auf. Sondern bringt es zur Vollendung. Hieß das mit der Taufe zur Vergebung der Sünden: Jesus ist ganz geerdet, einer von uns, so heißt es jetzt: Jesus ist ganz geöffnet, geöffnet für den Himmel, ist ganz seiner göttlichen Berufung nahe. Der Himmel tut sich auf – wie sehnlich singen wir das doch im Advent: O Heiland, reiß die Himmel auf über unseren Nöten! Wir singen das als Bitte von unten nach oben. Jesus empfängt den offenen Himmel von oben nach unten. Der Geist, Gottes Geist kommt herab. Taube – schon bei Noah brachte sie das Zeichen neuen Lebens. Tod und Untergang bleiben nicht Sieger im Weltgeschehen, heißt das. Gottes Geist erwählt sich einen Menschen, mit dem er wirkt und Neues schafft. Das wird hier von Jesus in einmaliger Weise erzählt. Und das ist zugleich Gottes Wahrheit und Wollen mit jedem und jeder von uns. Sein Geist will sich auch in mein und in dein Leben senken. Damit wir sein Lebensgeschenk in Gebrauch nehmen und anfangen, das zu sein und zu tun, wozu er uns ins Leben rief.

So könnten wir heute Abend uns mal Zeit nehmen und betend an unsere Taufe denken: Gott, auch ich bin getauft auf deinen Namen. Auch mir hast du deinen Lebensgeist geschenkt. Zeig mir doch, was dein Geist gerade durch mich wirken will. – Vertrauen wir darauf: Es gibt nichts, was zu klein ist, zu unwert, zu schmerzlich oder zu schwach an mir, - ich darf es vor Gott bringen. Denn aus allen Regungen und Erfahrungen, den leichten wie den schweren, formt Gott aus uns den neuen Menschen, der wir sein sollen nach seinem Herzen.

Und jetzt die Stimme, die da sagt: mein geliebter Sohn! Sie gibt Jesus Rückhalt zu seinem Weg und göttliche Würde zu seinem Auftrag. „Mein geliebter Sohn“ – da ist ein strahlendes Gesicht der Liebe hinter dieser Stimme, ein Gesicht, das wir nie sehen können, denn kein Mensch kann Gottes Antlitz sehen, - heller als jede Sonne und noch viel glühender vor Liebe als jedes Gestirn. Aber es ist mir Anlass, auch mich zu fragen mit wachem, dankbarem Sinn: Wer freut sich an mir so, dass ich mich selbst in mir freue? In der Liebe schenken wir einander das. Von Anfang an. Das Gesicht von Vater oder Mutter, das sich übers Baby beugt und strahlt und mit ihm schäkert. Jeder Mensch braucht das, solch leuchtendes Angesicht über sich, soll er nicht verkümmern. Wir tun einander das in Gottes Auftrag, ohne es zu merken, weil ein Baby einfach so süß ist, dass wir es anlachen müssen. Und wir erfüllen diesen göttlichen Auftrag in jeder Form von Liebe, wo ein Menschengesicht zu strahlen beginnt: du mein geliebtes Gegenüber! Wir leben davon. Von diesem: „Der Herr lässt sein Angesicht leuchten über dir“. (Numeri 6, 25)

Die Stimme macht es offenbar: Gottes Liebe gibt den Ton vor für all unser Suchen nach unserer Berufung. Du bist zur Liebe berufen, weil ich dich zuerst geliebt habe. Mein geliebter Sohn. Meine geliebte Tochter. Berufen in den Fußtapfen Jesu. Dessen Taufe zeitg: Er ist einer von uns - aber keiner wir wir. An ihm wird wahr und zum Geschenk für uns, was wir gleich singen: Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden und der Ursprung unserer Berufung zum Leben.

Amen

 

Hans-Frieder Rabus