Heiliger Abend, 24. Dezember 2014

Die Weihnachtsgeschichte: Lukasevangelium, Kpitel 2, 1-20

"und die Geschichte sehen"

Wissen Sie, was heute auf den Tag genau vor hundert Jahren geschehen ist? Richtig, da war Krieg. Der 1. Weltkrieg. Und die Front im Westen war festgefahren. Deutsche, Engländer, Franzosen, Belgier hatten sich in Gräben verschanzt in hoffnungslos-erbittertem Ringen gegeneinander. Die Soldaten litten erbärmlich in Kälte, Nässe und Todesangst unter dem Geschützdonner. Am Heiligen Abend stellten einige deutsche Kampfeinheiten Christbäume auf den Rand ihrer Gräben und zündeten die Weihnachtskerzen an. Sie hatten die Bäumchen aus der Heimat geschickt bekommen, natürlich mit der Absicht, die Kampfmoral der Truppe zu stärken.  Aber wissen Sie, was geschah? Die gegnerischen Soldaten in ihren Gräben trauten ihren Augen nicht. Weihnachtsbäume mitten in der Front? Hier und da wagten sich auf beiden Seiten Soldaten aus ihrer Deckung. Es ist doch Weihnachten. Also singt, ihr Deutschen, eure Weihnachtslieder, riefen sie von drüben. Und ihr singt uns eure britischen oder französischen Christmas Carols! Man begegnete sich im Niemandsland. Man teilte Geschenke und Zigaretten, zeigte einander Bilder von seinen Lieben. Man barg die vielen, vielen Toten, die tage- und wochenlang verstümmelt im Kampffeld gelegen hatten und hielt eine gemeinsame Begräbnisandacht mit den Militärgeistlichen. Die Kommandeure auf beiden Seiten waren von diesem unkriegerischen Weihnachtsgeschehen schlichtweg überrollt. Sie konnten es nicht verhindern. Mich rührt der Brief an, den ein Engländer nach Hause schrieb: „Die armen deutschen Kerle stecken genauso im Dreck wie wir.“ Und es ist in allem Grauen eine Form von Menschlichkeit und Respekt, wenn an einem Frontabschnitt den Engländern gegen Ende des ersten Weihnachtstags von den deutschen Truppen schriftlich mitgeteilt wurde: „Gentlemen, der Oberst hat befohlen, dass um Mitternacht das Feuer wieder beginnen soll, - wovon Euch in Kenntnis zu setzen wir uns die Ehre geben.“

Die Soldaten, die dieses Weihnachtswunder erlebt hatten, wurden nach und nach abgezogen und durch andere ersetzt. Warum wohl? Sie hatten die Gesichter der Feinde gesehen und gemerkt: das sind Menschen genauso wie wir. Und wenn du das Gesicht eines Menschen gesehen hast, wirklich angesehen, dann kannst du nicht mehr auf ihn schießen.

Schauen Sie, darum erzählt uns der Evangelist Lukas, dass die Hirten das Christkind angeschaut hatten. Damit wir es im Geist ihnen nachtun. Damit wir lernen, im zerbrechlich-zarten Menschenkind Gott zu erkennen. Damit wir tief, tief in uns aufnehmen: Ein Gesicht ist etwas Heiliges. Es verbindet uns Menschen mit Gott. „Antlitz“, - so nennt die Bibel dieses Herausstrahlen Gottes aus Menschenaugen und Menschenmienen. Und ins Antlitz, da darfst du nie schlagen oder schießen. Du verletzt sonst die Heiligkeit des Lebens selbst. Du vergehst dich an Gott, der verletzbar zur Welt kommt in diesem Kind.

„Lasset uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.“ Wie machen wir das, wir Menschen aus manchen Nationen hier in Belgrad? Die Geschichte Gottes im Menschen sehen und erkennen lernen? Das Geheimnis des Christuskinds aufnehmen und empfangen: der Heiland geboren – für uns, für unsere finstere, von Krieg und Terror geschüttelte Welt geboren. Zur Welt gekommen der Mensch, der auch die Wunden meines Lebens wie von innen her heilen und mit Gott verbinden kann und will. O ich möchte sie sehen, immer tiefer, diese wunderbare Geschichte: dass Kampf und Krieg nicht das letzte Wort für immer haben werden. Dass Faust und Waffe nicht bis ans Ende aller Tage unsere Welt prägen wird. Ich möchte sie sehen lernen, diese Geschichte, die da geschehen ist. Möchte angesteckt werden vom Wunder des Friedens. Ungläubig vielleicht wie die Soldaten  an der Westfront damals. Aber für Weihnachten musst du nicht mal einen Glauben mitbringen. Nur dich darauf einlassen und schauen mit den Augen deines Herzens: Ja, Friede auf Erden, - dieses Kind in der Krippe verkörpert ihn: verletzbar und unbändig, wie eben nur ein Kind sein kann in seiner vollen Lebendigkeit und Wachstumskraft…

Wenn ich meine Kinder oder Enkel zu Bett gebracht hatte, hab ich sie noch eine Weile still angeschaut in ihrem Schlaf. Da wurde es manchmal noch ein bisschen stiller in mir selbst. Diese hingebungsvolle Anmut, dieses Schutzlose und unendlich Kostbare eines Menschenkinds! „Sind die süß“, hab ich vielleicht im Stillen zu mir gesagt – und zugleich gemerkt: „süß“, das Wort ist zu klein für das, was ein schlafendes Kind umgibt. Und dieses leise Gespür: die Worte reichen nicht, um zu fassen, was ich da sehe; dieses „ich bin zu klein für so Großes“, - das ist, glaub ich, der Punkt, wo Gott mich weitet von innen her. Wo allmählich, ganz allmählich mehr Platz wächst für Menschen, - mitten in mir, im Herzen, wie wir sagen.  Wenn ein Menschenkind Platz findet in einem anderen Menschen, nennen wir das „Schwangerschaft“. Und wenn ein bereits geborener Mensch im andern Platz finden darf und geborgen wird, nennen wir das „Erbarmen“ oder „Liebe".

Spüren Sie es selbst? – Das ist Grund und Ziel, warum Gott uns durch seinen Evangelisten vor Augen malt, wie wichtig es ist, „die Geschichte zu sehen, die an Weihnachten geschehen ist“. Weil er den Platz weiten möchte in unseren oft engen und ängstlichen Herzen. Damit wir selber zu Atem kommen und zur Freude – in all unserer Lebenshast, die uns jagt, und unserer Lebenslast, die uns drückt. Und damit das Pochen und Anklopfen nicht aufhört in unserm Leben: hat noch mehr Platz in dir? Wächst dir der Raum für Barmherzigkeit?

Für uns in Deutschland: ganz konkret der Raum für Flüchtlinge und der Herzensraum für Menschen anderer Religionen. Für Menschen in Serbien vielleicht: Raum für Roma – dass sie eine Chance kriegen für einen Arbeitsplatz. Und Raum in den Köpfen für die ex-jugoslawischen Nachbarn: dass die alten oder neuen Nationalisten nicht weiter Unversöhnlichkeit predigen und Hass säen dürfen. Sondern dass alle Seiten anfangen, ihre Schuld einzugestehen und auf Versöhnung hinzuarbeiten.

WÄCHST DIR DER RAUM FÜR BARMHERZIGKEIT? fragt uns Weihnachten. - O ja, du zur Welt gekommener Christus, bleib dran an uns und schaff dir Raum! Damit wir so klugen und so armen Menschen uns nicht immer neu ins Antlitz schalgen müssen. Weil es wirkt, was wir sehen in diesem Kind: Euch, - uns allen auf der Welt!- ist heute der Heiland geboren.

Pfarr. Hans-Frieder Rabus