Sonntag, 14. Dezember 2014 (3. Advent)

"Stretching" - viele spüren: Dehnungsübungen sind wichtig, dass mein Körper beweglich bleibt. Wenige wissen: auch unsere Seele kann unbeweglich werden und eng. Adventszeit ist so etwas wie eine "Dehnungsübung für die Seele". Wir üben das Warten. Dazu wird in der Predigt als Beispiel Johannes des Täufer betrachtet: Der fragte Jesus, ob unser Warten auf den Erlöser erste Anhaltspunkte bekommt, oder ob wir uns umorientieren müssen und auf einen anderen warten.

Matthäus 11, 2-6   

Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen. Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

 

Liebe Gemeinde,

Warten. Schauen wir Gesichter an, die warten. Menschen an der Haltestelle, nervöser Blick auf die Uhr. Menschen im Wartezimmer des Arztes, Zeitschriften lesend, gähnend, unruhig oder ergeben. Sehen wir den Patienten im Krankenhaus, wenn der Arzt sagt: Ich bring Ihnen den Befund von der Gewebeprobe. Diese wartenden Augen: bringt er gute Nachricht oder muss er mir eine schlimme Wahrheit eröffnen?  Sehen wir den jungen Mann am Bahnsteig, wie er wartet, guckt. Und jetzt hat er sie entdeckt, seine Freundin, winkt vielleicht oder rennt ihr entgegen: das Warten der Liebe – wir wissen nicht, welche Zeiträume der Sehnsucht und Ungeduld dieser innigen Umarmung vorangingen. Sehen und hören wir Kinder, die warten auf die Bescherung bei einer Weihnachtsfeier oder vor ihrem Geburtstagszimmer: schier nicht auszuhalten, das Warten, so nah dran. Und sehen wir den Greis, vielleicht fast verstummt oder verwirrt. Sein Gesicht, lebenszerfurcht – wartet er auf den Tod, der nicht kommen will? Auf Erlösung aus dem Gefängnis seiner Hinfälligkeit? Oder ist sie am Erlöschen, die Kraft, über den Augenblick hinauszustreben, - zu warten?

„Bist du es, der da kommen soll?“ lässt Johannes fragen. Seine mutigen Worte gegen den maßlosen Regierungsstil des Königs hatten ihn hinter Gitter gebracht. Gepredigt hatte er als Platzhalter für Größeres: da wird einer kommen, der für Gottes neue Wirklichkeit steht. Messias nennt man ihn, Christus, den Gesalbten. Nach ihm fragt der gefesselte Johannes: Bist du’s, Jesus? Beginnt mit dir die Herrschaft der Liebe, das Reich des Erbarmens mitten in unserer stolzen und geplagten Welt? Bist du’s?   O bitte, bitte! - wir brauchen dich so sehr.

Die Antwort – ist sie nun ein Ja oder ein Nein? Blinde sehen, Lahme gehen – all die Verheißungen aus den alten Prophetenbüchern geschehen vor euren Augen. Also ein Ja. So wie Menschen durch Jesus auflebten und nicht wussten, wie ihnen geschah: das gibt’s tatsächlich, dass ein bereits aufgegebener Mensch geheilt wird. Das gibt’s tatsächlich, dass Sanftmut siegt, dass deine Herkunft aus der Roma-Siedlung dich nicht zum Außenseiter macht, dass Hass und Gier nicht alle Herzen verhärtet. Dass der korrupte Zolleintreiber seine Schuld eingesteht und die Betrogenen entschädigt. Um Jesus herum gibt’s das einfach, - nicht zu fassen dieses Ja der göttlichen Liebe.

Oder ist die Antwort doch ein: Nein, noch nicht ganz – und wir müssen zusammen mit Johannes weiter warten? In dieser Spannung leben wir, und in diese Lebensspannung hinein gibt Jesus seine Antwort. Die lautet: Sieh doch, was alles am Werden ist. Sieh die Anzeichen des göttlichen Lebens unter aller Vergänglichkeit; spüre befreiendes Aufatmen, wo Angst deine Seele eng macht. Und wenn du Gitter vor den Augen hast, wie Johannes im Kerker? Gefesselt bist an Krankheit, Schwäche, Schuld, die dir nachläuft? – Lerne Christus erkennen in dem, was bereits geschieht, ist die Antwort. Und nicht erst in dem, was Christus nach deinem Kopf alles tun müsste. So bereitest du dem Herrn den Weg. Und so bahnt sich der Herr seinen Weg zu dir.

Was da am Werden ist, das können erkennbar große Dinge sein: dass nach langem Kämpfen der Ärzte, nach Reha-Zeiten am Rand der Verzweiflung, du wieder hergestellt bist und deine Arbeit tun kannst. Oder dass die sichtbarste Folge der deutschen Barbarei, die Teilung unseres Landes, nach 40 Jahren aufgehoben wurde: die innere Morschheit des Regimes stieß auf die Sanftmut der Kerzen bei den Leipziger Montagsgebeten. Aber die kleinen Dinge sind’s nicht minder – sind Zeichen des kommenden Christus. Eine unvermutete Freundlichkeit, ein unerwarteter, tröstlicher Besuch bei einem Leidenden oder im Asylantenwohnheim, um den Kriegsflüchtlingen die Hände zu reichen: wir sehen eure Not, wir wollen euch nicht aus unserer Stadt verjagen.

Fassen wir zusammen, was wir bisher betrachtet haben: Wie Warten schmeckt, haben wir versucht nachzuspüren in den Gesichtern, die uns mit dem gefangenen Johannes verbinden. Es ist doch da – hören wir Jesus sagen. Er will uns damit die geistlichen Augen für seine Zeichen öffnen. Ihr kriegt noch mehr, so verstehe ich seine abschließende Seligpreisung.

„Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert“ – ich glaube nicht, dass Jesus damit dem Johannes sagt: Jetzt nimm dich halt zusammen und drück deine Zweifel wieder runter. Ich verstehe den Satz als echte Seligpreisung. Also eher so: Wenn ich feste Erwartungen habe ans Leben, an mich selbst, an andere Menschen, dann werde ich leicht ärgerlich, wenn was nicht klappt. Erwartungen und Pläne sind zwar wichtig, um etwas zuwege zu bringen. Aber bei Lebendigem, bei Menschen, bei unserer Seele, wird der Segen der Lebensplanung leicht zum Fluch. Ich meine unwillkürlich, ich könne dem Leben sagen, wie es sein muss. Und merke dabei nicht, dass ich abschließend lebe, nicht aufgeschlossen. Der Raum meiner Vorstellungen wird unversehens zu einer abgeschlossenen Welt  – und das ist nichts anderes als ein selbstgemachtes Gefängnis. Wenn ich Kinder mit allzu festen Erwartungen erziehe, werden sie dadurch gerade nicht gefördert. Wer durch äußere oder innere Elterngestalten oft genug gezeigt bekommen hat: eigentlich solltest du anders sein, -  der hat manchmal ein Leben lang zu strampeln, um aus solchen Fesseln der Erwartung herauszukommen in sein eigenes Leben.

Du kriegst noch mehr, setzt Jesus dem entgegen. Du darfst einfach leben, offen, empfangsbereit. Darfst der Liebe Raum geben, ob sie dich unu in Gefängnissen aufsucht oder mitten im vollen Leben überwältigt. Darfst ohne innere Selbsverurteilung leben. Auch ohne Fassade nach außen. Der Zwang dazu ist utergegangen mit dem, was Jesus dem Johannes antwortet: Aussätzige werden rein, Toge stehen auf, und ausgerechnet dem wird die Frohbotschaft verkündet, der sie nicht verdient, der arm ist an Geist und guten Taten. Selich wen der Äreger über unerfüllte Wünsche nicht gefangen nimmt. Selig, wer einen Messias aushält, der anders ist als unsere Vorstellungen. Er, sie - ist offen, ist emfangsbereit für die unerwartete Liebe Gottes. Geöffnet für Christus im eigenen Leben - und in dem Leben anderer Menschen.

Pfarr. Hans-Frieder Rabus