Sonntag, 30. November 2014 (1. Advent)

Advent bedeutet: nicht wir Menschen müssen die Verbindung zu Gott herstellen. Sondern Gott schlägt die Brücke zu uns - ganz leise. Die Kirche meditiert dieses Glaubensgeheimnis mit der Geschichte, wie Jesus in Jerusalem einzieht.

 Matthäus 21, 1-10

Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.  Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.“

Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen ab und streuten sie auf den Weg. Die Menge aber, die voranging und nachfolgte, schrie: „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“

Und als er in Jerusalem einzog, erregte  sich die ganze Stadt und fragte: Wer ist der?

Liebe Gemeinde,

Als unsere Jungs eingezogen sind diesen Sommer zusammen mit dem Nationaltrainer – das war ein Hallo in Berlin! Ein Jubel ohne Ende. Winken, Schreien, Singen – we are the champions, wir sind Weltmeister! Wir alle. Und das Jubelgeschrei bedeutet nicht nur: Ihr wart super da drüben in Brasilien. Sondern auch: Wir sind toll – wir sind stolz auf unsere Nationalmannschaft, ja, wir sind stolz auf uns selbst. Einzüge und Feste wie das nach der Fußballweltmeisterschaft stärken immer auch das Selbstgefühl des Publikums. Indem ich die Stars beklatsche und bejuble, wird mein eigenes Alltags-Ich etwas größer. Das tut allen gut. Den Stars dort oben in ihrem offenen Bus, und uns Fußvolk da unten.

Als Jesus eingezogen ist in seine Hauptstadt, Jerusalem, da war das anders. Er bekam keinen Bus gestellt mit seiner Mannschaft. Jesus musste sich sein Transportmittel selbst besorgen. Die Leute haben auch gejubelt, aber ihr Lied hieß nicht: „Wir sind alle super!“ sondern: „Wir brauchen dich!“ – Hosianna bedeutet nämlich: Hilf uns doch! (Ps 118, 25f) Und man hat Jesus auch keinen roten Teppich ausgerollt. Sondern die Leutehaben  ihre Obergewänder ausgezogen und ihm zu Füßen gelegt, um seinen Weg zu ehren. Hat Jesus gewinkt und die Begeisterung angeheizt, so wie unsere Jungs? Oder tat er seinen Mund nicht auf, „wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird“ (Jes 53, 7) und ritt schweigend ein? Genoss er den Jubel um seine Person, oder wurde ihm das unheimlich? – Wir wissen es nicht. Wir können nur einzelne Züge dessen betrachten, was uns Matthäus hier erzählt. Und wollen wie die Bewohner Jerusalems fragen mit hörbereitem Herzen: Wer ist der?

„Siehe, dein König kommt zu dir“ – damit zitiert der Evangelist aus dem Prophetenbuch Sacharja. Dort ist die „Tochter Zion“ angeredet. Das ist der zärtliche Kosename, den Gott seiner Stadt Jerusalem gibt. Also die ganze Bevölkerung ist gemeint,  das ganze erwählte Volk. Ich will es hingegen persönlich hören und auf mich beziehen: Siehe, dein König kommt zu dir. Wer ist der? frage auch ich. Wer will da kommen in mein Leben? Und wie kann ich mich öffnen, das „Stadttor“ meiner Seele aufmachen, - und was macht mich eher verschlossen?

Die erste Regung in mir: Jesus, du bist so anders! Wählst einen Esel, das Armeleute-Tier, um in die Stadt einzuziehen. Ein Pferd wäre doch das Mindeste gewesen für dich, denn das macht was her. Aber ein Esel!? – ist das nicht eher eine Witzfigur? – Doch beim zweiten Blick merke ich: Das ist Absicht, nicht nur Armut. Der Wanderprediger Jesus, der am Morgen oft nicht weiß, wo er die Nacht zubringen kann, der bekennt sich zu seiner Armut: setzt sich auf einen ausgeliehenen Esel. Dabei blitzt aber durch, wer das ist, der da um das Reittier bittet: „Der Herr braucht es“, sollen die Jünger antworten, wenn man ihnen sagt: ihr könnt doch nicht einfach unsern Esel hier losbinden! Und der Herr, das ist der Kyrios, der Höchste, - den auch wir vorhin angerufen haben mit dem Kyrie eleison – Herr, erbarme dich. Der Höchste auf Erden wie im Himmel, der auserwählte Gottmensch setzt sich auf ein Alltagsreittier, um zu seinen Menschen zu kommen. Er will nicht, dass ich mich fürchten muss, heißt das. Er will auch nicht, dass ich geblendet werde von Zeichen irdischer Macht: Polizei-Eskorte, glänzende Staatskarosse, Militärparade. Im Gegenteil: die Streitrösser sollen aus Jerusalem entfernt werden und der Kriegsbogen zerbrochen, sagt der Prophet Sacharja (9, 10).

Also: der Friede soll einziehen, wenn ich komme, sagt Jesus ohne Worte. Gottes ewiger Friede, der unsern ewigen Unfrieden überwinden will und erlösen. Und Gottes Friede setzt sich sanft durch, ohne Gewalt und dennoch unwiderstehlich. So wie Hefe im Teig. So wie Samen und Pflanzenkeim durch den Asphalt. So wie ein Kind in seinem unmittelbaren Vertrauen, wenn es die Hand des Erwachsenen sucht. Jesus hat viele solche Geschichten erzählt, wie das Reich Gottes mit seinem Frieden zu uns kommt. Mit seinem sanftmütigen Einzug in die Stadt erzählt er das nicht nur, sondern tut es. Er scheint zu hoffen, dass er noch tiefer einziehen darf als Friedensbringer, nämlich bis in die oft so furchtbar harten Herzen von uns Menschen. Um sie zu verwandeln und sanftmütig zu machen.

Jesus, du bist anders. – So meine erste Regung auf die Frage der Leute: Wer ist der, der da einzieht? Die zweite Regung: Jesus, du bist König. – Ich war Pfarrer in einer württembergischen Residenzstadt mit Schloss. Manchmal hieß es im Vorfeld von einem Empfang oder einer Benefizveranstaltung: SKH kommt auch – und ich merkte: die Leute hatten Respekt, wenn sie das sagten, und lächelten zugleich ein wenig dabei. Denn SKH bedeutet „Seine königliche Hoheit“. Gemeint war Carl Herzog von Württemberg, der diesen Titel trägt. Und das Lächeln bezog sich darauf, dass ein König ja nicht so recht in unsere Demokratie passen will. Aber wenn ich ihm begegnete, spürte ich so ein innerliches: Aufrecht, Haltung! Nimm dich zusammen! Der ist was Besonderes! – In der orthodoxen Liturgie wird beim sogenannten „Kleinen Einzug“ gerufen: „Weisheit! Steht aufrecht!“ (Kirchenslavisch: ΠΡЕМОЧАРОСТЬ, ПРОСТИ.) So wird in jedem Gottesdienst an den Einzug nach Jerusalem erinnert: Der Diakon trägt die Bibel durchs Kirchenvolk bis zur weitgeöffneten Mitteltür, die sogenannte Königspforte, und durch sie hindurch wieder hinter die Ikonenwand. Das Wort Gottes, Jesus selbst zieht ein, bedeutet das.

Steht aufrecht! Ein König, der nimmt mich zusammen. Nur dadurch, dass er da ist. Er verkörpert symbolisch: eins soll an der Spitze stehen, eines mich regieren. König Jesus fragt mich: wer oder was regiert dich eigentlich gerade? Ist es der König Kunde in mir, der mich nach diesem oder jenem jagen lässt? Ist es der Diktator Terminkalender, der nicht nur meinen Tag, sondern mein ganzes Sein zerstückelt in so Vieleirlei? Oder was sonst? Zerstreuung nennt es die alte Kirche, solche Herrschaften über mein Leben. Und sie erprobt Wege, wie wir Herr werden können über die starken Zerstreuungskräfte. Und empfliehlt: Binde dein Wesen an den einen, Jesus, den göttlichen König. Er hilft dir, das Zerstreuende immer wieder rauszuwerfen aus deinem Inneren, Es ist kein Zufall, dass unmittelbar nach dem Enzug Jesu die Tempelreinigung erzählt wird: ausgeputzt muss werden, wenn dein König kommt! Ausgeputzt- und die Mantelkleider ihm zu Füßen gelegt. Vor mir brauchst du dich nicht verstecken, sagt dieser König: Ich schau mit Liebe auch deine Verletzungen an und heile mit meinem Blick, was wehtut. Ja, selbst wenn du was Dummes gemacht hast, gib es mir: ich sezt mich auf deine Eseleien. Damit du ganz frei wirst für meinen göttlich-sanften Mut, der ohne Gewalt den Frieden bringt. Amen

Pfarr. Hans-Frieder Rabus