Zehn Jahre Deutsche Evangelische Kirchengemeinde Belgrad                3. Dezember 2017

 

Die erste deutsche evangelische Kirchengemeinde in Belgrad wurde im September 1853/54  gegründet. Damals war Serbien ein halb-selbständiges Fürstentum. So waren auf dem Kalemegdan noch türkische Truppen stationiert. In der Vojvodina gab es schon viel früher evangelische Gemeinden. Bis 1918 gehörten die zu Österreich-Ungarn.

 

Beim 75. Gemeindejubiläum 1929 lebten etwa dreitausend Evangelische in Belgrad (augsburgischer und helvetischer Konfession). Die Kirche, die Fürst Aleksandar Karađorđević 1860 den Evangelischen geschenkt hatte, war zu klein. So hat man das Grundstück verkauft und am 20. Oktober 1940 den Grundstein zu einer neuen Kirche gelegt. Star-Architekt Otto Bartning hat den eigenwilligen Bau entworfen – das heutige Bitef-Theater: eingeweiht am 10. Mai 1942. 

 

Im Herbst 1944 sind die meisten Deutschen aus Belgrad und der Vojvodina geflohen oder wurden vertrieben. Kirchen, Pfarrhäuser, Liegenschaften wurden enteignet und gingen in Staatsbesitz über. In der kirchlichen Untergrundzeit während des kommunistischen Tito-Regimes wurden dennoch hin und wieder deutsche evangelische Gottesdienste auch ohne formelle Gemeinde gefeiert.

 

Nach den jugoslawischen Zerfallskriegen ließ die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) sondieren, ob es in Belgrad geboten sein könnte, eine deutsche evangelische Kirchengemeinde wieder zu gründen. Sie beauftragte den Jerusalemer Pfarrer Dr. Michael Krupp im Jahr 2005 mit Sondierungsgesprächen. Dem langjährigen Studienleiter der Aktion „Studium in Israel“ traute man genügend Fingerspitzengefühl zu. Sein Bericht ermutigte die EKD, 2006 einen ersten Ruhestandspfarrer zu beauftragen: Dieter Schupp mit seiner Frau. Er hat Örtlichkeiten für Gottesdienste erkundet, Kontakte mit der deutschen Botschaft und interessierten Expats aufgebaut und die formelle Gründung einer deutschen Auslandsgemeinde angebahnt.

 

Am 2. Dezember 2007 (damals 1. Advent) gründeten elf Personen (darunter zwei mit serbischer Staatsangehörigkeit: Petar Pesić und Stjepan Stipe Sjeverac) unter Leitung von Pfarrer Dieter Tunkel die Deutsche Evangelische Gemeinde Belgrad-Zemun und beschlossen eine Satzung. So war von Anfang an ein enger Kontakt mit einheimischen evangelischen Christen angestrebt. Das bildet sich bis heute in unserer Zusammenarbeit mit der Slowakisch Evangelischen Kirche A.B. in Serbien (SECAV) ab. In den Jahren danach versuchte man, die enteignete Kirche in Zemun rückerstattet zu bekommen. Zunächst wollte man eine vom serbischen Staat registrierte Kirche werden und nahm deshalb viele weit in der Vojvodina verstreut lebende Evangelische auf; in Doppelmitgliedschaft auch Angehörige der Slowakischen Kirche. Die staatliche Anerkennung hat nicht geklappt. So bildete man laut Beschluss der Synode der SECAV vom 12. Juni 2008 ein Deutsches Seniorat innerhalb der Slowakischen Evangelischen Kirche. 2009 übertrug dann die EKD formell die Geschäftsbesorgung im Streit um die Restitution dem Bischofsamt der Slowakischen Kirche in Novi Sad. Den Prozess, den wir wegen der Ablehnung unserer Restitutionsansprüche führten, haben wir verloren. Die Klage dagegen beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg wurde wegen Formfehler des Rechtsanwalts abgewiesen und nimmer weiter verfolgt.

 

Seit März 2013 darf ich unserer Gemeinde jeweils für zehn Monate im Jahr als Pfarrer dienen. Januar 2016 erfuhren wir aus der Zeitung: Die historische deutsche evangelische Kirche in Zemun (1929 vom Zagreber Architekten Hugo Ehrlich gebaut in Anspielung an einen byzantinischen Rundkirchenbau) wird zusammen mit vielen anderen ehemals deutschen Liegenschaften an die kleine Evangelisch-christliche Kirche in Subotica übertragen. Wie schon vorher nutzen wir im Wechsel mit den Slowaken die Kirche zusammen mit der Tanzgruppe Branko Radićević. Wir haben ein Schild am Eingang befestigt, das auf den Status der Kirche als Kulturdenkmal hinweist. Die Umbauten im Innern geschehen ohne Rücksprache mit uns – müssen aber nicht zu unserm Nachteil sein. Ob eigener Kirchenbesitz – ob stillschweigende Duldung: Hauptsache, Gott wird hier sonntags fröhlich gelobt. 

 

Pfarrer  Hans-Frieder Rabus