2018-04-01 Ostersonntag

1.       Samuel 2, 1-8a                 Ostersonntag                  

 

Unsere Körperhaltung sagt manchmal mehr als Worte. Ich sehe im Herzen die kinderlose alte Frau, wie sie hinter dem Sarg hergeht: gesenkter Kopf, mühsame Schritte. Und am Grab will sich der Blumenstrauß fast nicht lösen aus ihren zitternden Händen. Ein Stück von ihr fällt mit hinunter. Von nun an ist sie allein – nach jahrzehntelang gelebter Liebe. Ich sehe im Herzen die Arme des Vaters und sein tränenüberströmtes Gesicht: er ließ es sich nicht nehmen, das weiße Kindersärgle selber zu tragen. Presst es an sich in einer letzten, verzweifelten Liebkosung, bevor es ins dunkle Erdreich gesenkt werden muss.

Ich sehe im Geist jene Frauen, die niedergedrückt von Schmerz und Traurigkeit am Ostermorgen zur verschlossenen Grabeshöhle gehen, in der ihr geliebter Jesus liegt. Salböl in Händen, ein verlängerter Blumenduft. Ein letztes Mal ihn berühren, liebkosen, bevor die grausame Vergänglichkeit ihr Werk verrichtet. Sie gehen einer unfasslichen Botschaft entgegen: „Er ist nicht hier, den ihr sucht. Er ist auferstanden!“ sagt der Engel und schickt sie zurück. Sie sollen die ersten Verkündigerinnen werden und die Kernbotschaft des Christentums den Jüngern sagen: Christus ist auferstanden. Der Tod ist tot.  – Wie ist jetzt wohl ihre Körperhaltung? Wie drücken sie das aus, was nicht zu fassen ist?  – Vielleicht leihen sie sich Worte, in die eine Seele hineinschlüpfen kann, wenn sie sprachlos ist? Vielleicht schenkt ihnen Hanna, eine der Urmütter Israels, Wort und Ausdruck fürs unaussprechlich Große:

                               Textlesung 1. Samuel 2, 1-8

Erinnern Sie sich an die Geschichte jener Hanna? Sie war jahrelang kinderlos geblieben, hat bittere Zurücksetzungen erdulden müssen. Ganz geknickt betet sie im Heiligtum um ein Kind. Tonlos und seelenverletzt bewegen sich ihre Lippen, so dass der Priester meint, sie ringe um Worte wie eine Betrunkene. Er will sie wegschicken – eine, die nichts ist und nicht zu sagen hat… Aber Gott hat ihre Bitte erfüllt. Ihrem Sohn gibt sie den Namen „Samuel“. Das bedeutet: „Gott hat mich erhört“. Und Hanna  betet jetzt laut und jubelnd Worte, die auch für uns heute Sprachhilfe sind zur Osterfreude. Ihr Haupt ist erhöht, ihr Körper voll Energie, bereit ist sie zum offenen Blick. „Was gucksch?“ – so fragen manchmal in Deutschland junge Männer drohend. Sie wollen erzwingen, dass der oder die andere den Blick senkt, sich unterwirft. Sonst helfen sie schnell mit der Faust nach beim Versuch, den andern Menschen klein zu halten. „ICH guck!“ sagt Hanna mit Kraft. Im Hebräischen steht für das, was Luther mit „erhöhtes Haupt“ übersetzt, das Wort „Horn“. Hanna bietet die Stirn jetzt. Ich guck! – auf Gott, den Herrn; auf die Mächtigen und Gewaltbereiten; auf die Hungrigen und Entbehrenden; und auf diejenigen im Überfluss und Hochmut ihres weichen Lebens. ICH GUCK! – denn „der Herr ist ein Gott, der es merkt“ (V. 3).

Das ist der erste von zwei Sätzen, die wie eine elektrische Ladung aus dem Gebet der Hanna herüberspringen über dreitausend Jahre hinweg. Nehmen dabei die Frauen von Jesu Grab mit ins Gefolge,  und weisen uns heute ein in die Auferstehungskraft. Der Herr ist ein Gott, der es merkt! Gesagt ist das zu denen, vielleicht auch unter uns heute, die ein unausgesprochenes Leid im Herzen tragen. Eine Sorge, eine Krankheit, ein Kummer, der auch durch den fröhlichsten Ostermorgen nicht von der Seele weichen will. Ein Gott, der es merkt: der in meiner Haut steckt und um meine Leiden, Ängste, Narben weiß. Weil ich ihm nicht zu gering bin. Weil er auf uns Menschen eingeht – in allem! Das ist sowas von lösend, dieser Gott, der es merkt. Er macht Türen auf an Leib und Seele, wo wir uns eingesperrt fühlen wie in einer Grabkammer der Ängste und Sorgen. Du merkst es, weißt um mich, du Gott des Lebens.

Gott merkt freilich auch das, was er gar nicht merken soll. So vor gut zwanzig Jahren, als man Gras wachsen lassen wollte über die Getöteten von Srebrenica: Gott merkt es, vor ihm werden die Taten gewogen. In seinem Namen darf kein Gras wachsen über namenlose Gräber! Denn es ist Ostern! Das bedeutet: Gräber schützen und verbergen die Untat nicht mehr auf ewig. – Ebenso heute: Du bist ein Gott, der es merkt, auch was an Menschenhandel, Ausbeutung, unentdecktem Kindesmissbrauch geschieht Tag für Tag – und keiner will was gemerkt haben… - Von wegen! lautet die Osterbotschaft der kleinen Hanna mit dem erhobenen Haupt. Kein erlittenes Unrecht, kein Seufzer der Geplagten wird spurlos verschwunden sein. Ostern heißt: Gott schafft Recht denen, die Gewalt leiden. Er zieht zur Verantwortung diejenigen, die Gewalt tun. Demonstrativ leuchtet Gott noch die dunkelste Grabkammer aus, indem er Jesus daraus hervorholt. Ab jetzt gilt: Vertuschen und Vergessenmachen, Elend und Tod werden nicht siegen. Sondern Leben, göttliche Klarheit, Liebe.

Das zweite Kraft-Wort aus Hannas Ostergebet ist eine Zumutung für unsere Durchschnitts-Spiritualität. Wir richten uns gern ein mit einem „lieben Gott“. Wir rufen ihn um Schutz und Segen an, so wie wir es uns vorstellen. Damit er uns Unerwünschtes möglichst vom Hals hält. Hanna aber betet so: „Der Herr tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.“ (V. 6) – Ich komm da nicht hinterher, wie umfassend groß Hanna von Gott denkt! Gehört denn selbst der große Verneiner unseres Lebens zu den Wegen, die Gott führt? Wir spüren: Dieser Satz - von Hanna gar als Lobpreis gemeint! – löst das Rätsel und den Schmerz um unsere vielen schlimmen Tode nicht auf. Doch mir ist, als nähme die kleine Hanna mit der großen Seele uns damit behutsam an der Hand. Sie führt all unser Fragen und Trauern, unser Hoffen und Nicht-glauben-Können vor Gott hin. Man wird Gott nirgends los, weiß sie. Gott lässt dich auch nirgends los, vertraut sie. Und sei es noch so dunkel um dich. In allem Gott, der Herr. Und nicht blinder Zufall oder schlechte Gene. Nein, Gott führt – selbst bis zu den Toten hinab, und neu herauf ins Leben.

„Was gucksch?“ fragt drohend der dunkelste aller Gewalttäter, der Tod. Er will, dass ich mich ihm bedingungslos unterwerfe. Will mein Leben kleinhalten und eng: damit es angstvoll und ruhelos alles erraffen muss an Geld, Genüssen, Machtgefühl – denn die Zeit ist kurz. Doch Ostern gibt mir Mut, dass ich diesem Schreckensmeister die Stirn biete und sage: ICH GUCK! Du wirst am Ende zuschlagen und mich fertigmachen, ich weiß. Aber wenn sie mich dann in die Erde senken, wartet Christus auf mich. Er ist vor mir und für mich „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Damit er mich und all die andern von dort herausführe in das Land, wo es keine gesenkten Köpfe mehr gibt. Wo Trauer, Ängste und Not überwunden sind. Hoch tragen werden wir unsere Häupter, wenn alle Rätsel, alle Lebensfinsternisse sich lösen - und wir Christus erkennen „von Angesicht zu Angesicht“(1. Kor 13, 12) im Osterlicht der Liebe.  :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus