2018-03-25 Palmsonntag

Jesaja 50, 4-9https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/gute-nachricht-bibel/bibeltext/bibel/text/lesen/?tx_bibelmodul_bibletext%5Bscripture%5D=Jesaja+50%2C+4-9                    Palmsonntag                       

 

Auslöser damals, mit den Müden reden zu wollen, war mir eine Familie, wo abwechselnd Vater oder Mutter in die Klinik mussten. Depression. Krankhaft lebensmüde. Und die lebensvollen Töchter versuchten sich da herauszuwinden, fanden Halt in einer Jugendgruppe der Gemeinde. Es gab noch mehr solche Häuser, wo unsichtbar auf dem Türbalken stand, wenn ich einen Besuch machte: „Ich bin es so müde…“ Tiefsinn und Schwermut gehen bei Schwaben, insbesondere bei frommen, manchmal eine unheilvolle Verbindung ein. Kurzum: Ich lud ein ins Pfarrhaus zu einem Gesprächskreis. Oft sprachen wir nach dem ersten Austausch über stärkende Bibeltexte, die ich ausgewählt hatte. „Club der Mühseligen und Beladenen“ nannten wir das für uns – denn zu meiner Überraschung war da viel Humor und Witz in den Leuten. Manche konnten sich gar selbst auf den Arm nehmen. Andere waren richtig schwer im Gemüt, konnten an manchen Tagen kaum Auskunft geben in unserer Runde, wie es ihnen gerade ging. Ihre Müdigkeit schaute aus allen Knopflöchern. Und es war schon viel, wenn sie nach einer guten Stunde mit dem Gefühl aufbrechen konnten: da war ich unter Menschen, die verstehen, wie es mir zumute ist, auch ohne dass ich viel sagen muss. Die halten zu mir, wo andere mir zu spüren geben: zieh mich nicht mit runter mit deiner Lebensschwere! Manchmal war es auch soweit, dass jemand wieder mal in die Klinik musste. Aber jetzt waren da Menschen, die haben gewinkt und gesagt: „Gut, dass du rechtzeitig so entscheidest. Komm bald wieder. Und wir besuchen dich auch!“

Ich hab’s damals einfach probiert, jung wie ich war. Und war sicher nicht immer ein guter Gesprächsleiter. Konnte auch nicht wissen: Welche Kräfte halten uns Menschen denn noch im Leben, wenn uns alle Kraft verlässt? Gemeinschaft? Medikamente? Zuspruch aus der Bibel? Zuhören aus Herzenstiefen her? Der eigene Wille: nimm dich halt zusammen…? Menschen, für die ich lebe und sorge? Oder hilft nur noch ein Wunder Gottes, - so tief unten? – Und nicht mal das: Es hat mich getroffen und hilflos gemacht, auch zornig auf Gott, als die Nachricht aus der Klinik kam: Gerade, als es mit ihr etwas besser wurde, habe sie sich umgebracht, - die Mutter der beiden Töchter.

Mir ist, als spreche der Prophet Jesaja in unserm Predigttext von einem, der all die Not, das Mitgefühl, die Hilflosigkeit, alle ohnmächtige Verletztheit und Zorn in seiner Person versammelt und birgt und vor Gottes Augen ausbreitet. Mit den Müden reden, dazu sieht er sich gesandt. Und zwar zu rechter Zeit mit ihnen reden – das meint: bevor es zu spät ist. Aber auch: erst dann reden, wenn der andere es wirklich braucht und aufnimmt, - ihm nicht nur äußerlich gut zureden oder ihn gar zu-predigen. Mit Gott hat das zu tun, dieses „mit den Müden reden“ können, sagt der Unbekannte.

Er wird in der Bibel „Knecht Gottes“ genannt. Ich könnte ihn auch nennen: Mit-Leider Gottes, Mit-Träger der Lebenslast, Tröster im Lebensdunkel, Standhalter und Dulder Gottes, wo es eng wird und Bosheit und Gefahr sich regt. Nicht nur Helfer, Engel, Wunden verbindender Samariter ist der Gottesknecht, das spüren wir deutlich. Sondern, unheimlich genug: auch Opfer, Stellvertreter vielleicht? – eben einer, der den Lebensgewalten und Menschengewalttaten ausgesetzt ist am eigenen Leibe. Jeden Morgen wird er von Gott neu berufen und befähigt, sein Ohr am Herzen der Menschen zu haben. Indem er seine inneren Ohren Gott hinhält und sie von ihm reinigen, ausrichten, sensibilisieren lässt. In der Taufe nach orthodoxem Ritus berührt der Priester nacheinander Stirn, Augen, Ohren, Nasenlöcher, Mund, Brust des Säuglings mit einem Pinsel voll Salböl. „Öffnung der Sinne“ heißt das – die Taufe soll einen Menschen an erster Stelle befähigen, dass er überhaupt auf Gott hört und ihn erkennt und sein Leben nach ihm ausrichtet. Von alleine schafft er nämlich nicht, seine kreatürliche Egozentrik zu überwinden.

Aber woher ausgerechnet bei einem so hingebungsvoll tröstenden  Gottesknecht all die Gewaltbilder, die Schläge, das Haare-Ausrupfen und Angespuckt-Werden? Woher dies, dass anscheinend der erste Hauch eines Guten bereits ein Aufbäumen des Bösen und seinen Widerstand hervorruft? – Ich versuche mich heranzutasten an dieses Abgründige unter Menschen: Wenn einer das Gras wachsen hört, also hoch sensibel ist, vieles auf sich bezieht, Gefahren wittert, wo niemand was Schlimmes denkt, - dann kann er den Leuten bald auf die Nerven gehen, und sie versuchen, einen solchen Geist abzuschütteln. Wenn einer auf sein Gewissen hört, sich kritisch ins öffentliche Freund-Feind-Denken einschaltet, die Schrumpfung des menschlichen Urteilsvermögens und Verantwortungshorizonts auf Twitter-Format nicht mitmacht, sondern protestiert: der erfährt leicht Gegenwind von Mächtigen oder Lautschreiern im Land. Menschen, die auf was anderes hören, als die Meinungsführer einander wechselseitig einreden, machen sich unbeliebt. Gelten als Störenfriede oder in entsprechenden Kreisen gar als Vaterlandsverräter. Wer Gott mehr gehorcht als den Menschen, bekam noch nie den Beifall der Massen.

Aber wir brauchen Knechte Gottes mit ihrem aufgeweckten Ohr und Herz. Wir leben von ihrem Einsatz für uns. Von dem Trost und Halt, von der Kraft und Orientierung über unsere eigene Lebensschwere hinaus, die sie verkörpern. Christen sehen in dem Knecht Gottes bei Jesaja einen Hinweis auf Jesus Christus. Den nannten sie „Lamm Gottes“ – nach dem letzten Gottesknechtslied, Jesaja 53. „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.“ Hat unsere Last ertragen „wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird“. So sollten wir dankbar und ehrfürchtig in Jesus den Tröster und Gesandten Gottes zu uns sehen. Wir sollten aber nicht den Juden absprechen, dass sie solche Bibelstellen ganz anders hören, sie nämlich auch von der unvergleichlichen Leidensgeschichte ihres eigenen Volkes her verstehen.

„Club für Mühselige und Beladene“ nannten wir scherzhaft unsern Kreis damals. Aber wenn wir uns heute und hier so anschauen in der Runde, könnten unversehens auch wir mit dazugehören, wenn es uns trifft. „Kommt her zu mir alle“, hat er gesagt, Jesus der Gottesknecht, „alle, die ihr mühselig und beladen seid“(Matth 11, 28). Auf sich genommen hat er unsere Mühen, Depressionen, Lasten und Ausweglosigkeiten. Hat seinen Rücken hingehalten denen, die ihn geißelten wegen seiner unbeirrten, erbarmungsvollen  Menschlichkeit. Hat in seiner eigenen Sterbensnot am Kreuz all unsere Nöte mit herausgeschrien. Hat sie Gott entgegengeschrien und sie mit seinem letzten Atemzug allesamt hineingehaucht mitten in Gottes Herz. Und von dort wurde über ihm wahr am dritten Tag, was der Jesaja-Gottesknecht andeutet – und was in Christus verheißen ist auch über unser Leiden, unser Sterben: „Siehe, Gott der HERR hilft mir. Ich werde nicht zuschanden.“  :-)

 

Pfarrer Hans-Frieder Rabus